Das Trio hinter Ronaldo
publiziert: Mittwoch, 27. Jun 2012 / 12:30 Uhr
Auf Miguel Veloso (l.), Raul Meireles und João Moutinho (r.) kommt viel Arbeit zu.
Auf Miguel Veloso (l.), Raul Meireles und João Moutinho (r.) kommt viel Arbeit zu.

Portugal hat im Verlauf der EM bewiesen, dass es mehr zu bieten hat als bloss eine Ein-Mann-Show. Heute gegen Spanien wird das Mittelfeld besonders gefordert sein. Miguel Veloso, Raul Meireles und João Moutinho stehen bereit.

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Es ist derzeit nicht leicht, portugiesischer Internationaler zu sein und nicht Christiano Ronaldo zu heissen. Alles dreht sich in der internationalen Wahrnehmung der Mannschaft um die Nummer 7. Erfüllt er die Erwartungen nicht, ist er genauso das Hauptthema, wie wenn er überragend spielt. Und tritt er bloss durchschnittlich auf, ist seine Frisur immer noch ein beliebter Gesprächsstoff.

Nationalcoach Paulo Bento versucht dem entgegen zu wirken, indem er die meisten Fragen zu Ronaldo ignoriert - mit dem diplomatischen Hinweis, er äussere sich nicht zur Vorstellung einzelner Spieler: «Ich analysiere immer die mannschaftliche Leistung als Ganzes.» Als ehemaliger defensiver Mittelfeldspieler weiss er, wie es ist, im Schatten zu stehen. Er bestritt für Portugal 35 Länderspiele, schoss dabei keinen Treffer und bleibt vor allem in Erinnerung als der Spieler hinter Rui Costa und Luis Figo.

Schattenmänner im Blickpunkt

Heute gegen Spanien dürften nun aber genau die Schattenmänner, mit denen Bento so gut mitfühlen kann, mehr in den Blickpunkt rücken. Die «Selecção» will den Welt- und Europameister mit Pressing am Spielen hindern und dann rasch den Angriff suchen. Es kommt viel Arbeit auf die drei eher defensiven Mittelfeldspieler zu: Miguel Veloso, Raul Meireles und João Moutinho. Die Aufgaben zwischen den drei Spielern sind klar verteilt: einer denkt, einer rennt und der dritte lenkt. Bento weiss genau, was er von ihnen verlangen kann, vor allem von Veloso und Moutinho, die er bereits als Junioren bei Sporting Lissabon trainiert hatte.

Veloso ist der Mann vor der Verteidigung, derjenige aus dem Trio, der als eine Art Libero im Mittelfeld agiert. Der 26-jährige vom Serie-A-Klub Genoa soll die Angriffe des Gegners antizipieren, die Pässe abfangen und dort sein, wo Not am Mann ist. In den vier bisherigen Spielen trat er nicht immer überzeugend auf. Vor allem sein Zweikampfverhalten entspricht eigentlich nicht der Anforderung seines Posten: Er gewann nur 50 Prozent seiner Duelle. Trotzdem hat er einige Ukrainer begeistert. Der Meisterschaftszweite Dynamo Kiew, wo Admir Mehmedi spielt, möchte ihn Genoa gern abkaufen.

Furchterregender Irokese

Eine Spur vor Veloso agiert Meireles von Champions-League-Sieger Chelsea. Der 29-Jährige ist der älteste, der erfahrenste und der Furcht erregendste des Trios. Er trägt einen Irokesenschnitt, besitzt 32 Tattoos und die Statur eines Strassenkämpfers. Der Schützling von Roberto Di Matteo hat eine anstrengende Saison hinter sich. Bei Chelsea ging es bis zum glücklichen Ende drunter und drüber. Dass er aber in den letzten Wochen an der EM weniger oft im Blickpunkt stand als bei den Londonern, dürfte nicht an der Müdigkeit liegen, sondern in erster Linie mit seiner Position zu tun haben. Er soll beim Verteidigen möglichst nah am Ball sein. Da Portugal im bisherigen EM-Verlauf nur 46 Prozent Ballbesitz hatte, heisst das: Meireles muss viel rennen und grätschen.

Umgänglichkeit und Humor kann sich der England-Legionär nur neben dem Feld leisteten. Auf die Frage, weshalb er diese Frisur trage, antwortete er lächelnd: «Mit fallen die Haare an den Schläfen aus.» Meireles löst die Probleme mit radikalen Methoden. Bei den Fans der eigenen Mannschaft avanciert er mit seiner Art jeweils rasch zum Publikumsliebling. In Portugal ist er zusammen mit seiner ebenfalls mit beeindruckend vielen Tattoos bedeckten Ehefrau Ivonne ein Mode-Trendsetter - für die Fussballfans, denen der Stil von Ronaldo nicht gefällt.

Der Spanier unter den Portugiesen

Wesentlich nüchterner als Meireles kommt der nur 1,70 Meter grosse João Moutinho daher. Der 25-Jährige ist aber der technisch stärkste des Trios und derjenige, der am offensivsten auftritt. Er fungiert als Ballverteiler. Gegen Tschechien führte seine Flanke zum Siegtreffer von Ronaldo und schon in der Vorrunde hatte er mit seiner Übersicht und Passgenauigkeit überzeugt. Gegen Deutschland führte ein herrliches Zuspiel von ihm zu einer der grossen Chancen, die Ronaldo vergab. In seiner Heimat wird Moutinho schon lange hoch gehandelt. 2010 wechselte er für die Liga-Rekordsumme von 11 Millionen Euro von Sporting Lissabon zum FC Porto.

Vor der letzten EM in der Schweiz und in Österreich war er als möglicher Star des Turniers vorgestellt worden. Dieser Erwartung wurde er nicht gerecht und überhaupt verlief seine Karriere in der Nationalmannschaft nicht reibungslos. 2010 wurde er für die WM nicht mal aufgeboten. Und im laufenden Turnier wäre ihm kein Stammplatz auf sicher gewesen, wenn sich der interne Konkurrent Carlos Martins nicht verletzt hätte. Nun ist er der Spielmacher und der «spanischste» Portugiese: Pro Spiel hat er bei der EM bisher 63 Ballkontakt, 88 Prozent seiner Pässe kamen an.

Es sind Zahlen, die er sonst nur auf Klubebene aufweist. Dort ist er schon seit Jahren ein Überflieger. Bei Sporting Lissabon gab er als 17-Jähriger sein Debüt in der ersten Mannschaft und war ein gutes Jahr später schon Captain. Seit seinem Wechsel zum FC Porto gewann er zweimal die Meisterschaft und einmal die Europa League. Nun wird er mit diversen englischen Klubs in Verbindung gebracht. Diese schrecken allerdings noch vor der vertraglich festgesetzten Ablösesumme von 40 Millionen Euro zurück. Das kann sich heute ändern.

(bg/Si)

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