Der übermächtige Schatten von Marcello Lippi
publiziert: Dienstag, 17. Jun 2008 / 09:28 Uhr / aktualisiert: Dienstag, 17. Jun 2008 / 10:03 Uhr

Im Spiel gegen Frankreich geht es heute auch um die Zukunft von Roberto Donadoni (44). Scheidet Weltmeister Italien aus, muss der Coach gehen. Sein Nachfolger steht offenbar schon bereit. Es ist Donadonis erfolgreicher Vorgänger Marcello Lippi.

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Verbrachte Roberto Donadoni seine letzte Nacht als Commisario Tecnico im Swissôtel in Zürich-Oerlikon und erlebt er sein letztes Spiel mit der Squadra Azzurra heute Abend im Stadion Letzigrund?

Ja, sofern es nach den italienischen Medien geht. Denn Trainer und Mannschaft scheinen im heimischen Blätterwald keinen Kredit mehr zu haben. Und sollte es nach der EM-Vorrunde nach Hause gehen, ist die Zeit von Trainer Donadoni abgelaufen.

Muss Lippi nur noch unterzeichnen?

Wie die Zukunft des Weltmeisters aussieht, ist am Reissbrett offenbar längst vorgezeichnet. In der Schublade von Verbandspräsident Giancarlo Abete soll seit Wochen ein Vertrag für Donadonis Nachfolger bereit liegen, gültig bis zur WM 2010. Dieser müsste nur noch unterzeichnen und er würde es gerne tun. Marcello Lippi, bitte übernehmen Sie!

Dass die «Gazzetta dello Sport» dieses Szenario noch vor dem entscheidenden Gruppenspiel gegen Frankreich quasi offiziell machte, ist demütigend, passt aber zur bisherigen Amtszeit von Donadoni.

Nie konnte sich der einstige Weltklasse-Spieler von Milan und Italien dem Schatten seines weltmeisterlichen Vorgängers entziehen. Auch weil er im wirren Sommer 2006 in ein Amt gehoben wurde, das ihm in den Augen der Öffentlichkeit nicht zustand.

Donadoni dank Vetternwirtschaft Coach?

Rückblende: Im Juli 2006 feiert sich Italien zwar zum vierten Mal als Weltmeister, doch der Calcio liegt auch in den Trümmern des Manipulationsskandals. Marcello Lippi trat nach der WM zurück, weil sein eigener Sohn in den Skandal verwickelt war, und er sich deswegen vor der WM von den Medien schlecht behandelt und vom Verband zu wenig unterstützt fühlte.

Einen Nachfolger hatte die vorübergehend eingesetzte Verbandsführung um Präsident Guido Rossi und Vizepräsident Demetrio Albertini schnell gefunden. Nur setzte sie fünf Tage nach dem WM-Triumph von Berlin nicht wie allgemein erwartet U21-Trainer Claudio Gentile ein sondern ernannte Roberto Donadoni zum Nationalcoach.

Weshalb ausgerechnet Donadoni, fragten sich die Tifosi. Er war anders als seine Vorgänger Azeglio Vicini und Cesare Maldini kein erfolgreicher Nachwuchstrainer im Verband und er war auch kein Trophäensammler im Klubfussball wie Arrigo Sacchi, Giovanni Trapattoni und Marcello Lippi.

Er hatte lediglich mit mässigem Erfolg Genoa (mit Valon Behrami) in der Serie C und Livorno in der Serie A trainiert. Seine Inthronisierung roch daher schlicht nach Vetternwirtschaft, schliesslich war er ein alter Kumpel von Albertini aus früheren Milan-Tagen.

Diesen Geburtsfehler trägt Donadoni seither mit sich. Sportliche Erfolge blieben zwar nicht aus, letztlich führte er Italien in einer schweren Qualifikationsgruppe auf Platz 1. Doch bei der winzigsten Schwäche der Mannschaft, bei der kleinsten Unsicherheit Donadonis waren sie sofort da, die Schatten von Lippi.

Und sobald aus einer kleinen Schwäche ein monumentaler Fehltritt wurde, griffen die Zeitungen schnell zum verbalen Zweihänder. «Gebt uns sofort Lippi zurück», titelte zum Beispiel der Turiner Tuttosport am Tag nach dem 0:3 gegen Holland.

Lippi: «Sag niemals nie!»

Im Falle eines Scheitern an der EM kommt der Weltmeister nun tatsächlich zurück. Doch schon seit Monaten hat Lippi wenig unternommen, um die kursierenden Gerüchte eines möglichen Comebacks zu stoppen. Angebote von Klubs, und waren sie noch so verlockend (Chelsea, Milan, Juventus, Real Madrid, Barcelona), hat er alle ausgeschlagen.

Irgendwann im letzten Winter liess Lippi aus seinem Refugium in Viareggio in der Toskana ausrichten, er sei überhaupt nicht mehr interessiert, ein Klubteam zu trainieren. Und die Squadra Azzurra? «Sag niemals nie!», antwortete er.

Dieses eindeutig zweideutige Angebot machte Lippi dem Verband in der Zeit, als sich die «Federcalcio» mit Donadoni in Gesprächen für eine Vertragsverlängerung befand. Der Verband zierte sich lange, Donadoni eine anständige Offerte zu unterbreiten.

Erst eine Woche vor der EM einigten sich die Parteien auf einen neuen Vertrag bis zur WM 2010. Im Falle eines Scheiterns vor den EM-Halbfinals kann der Verband den Vertrag innert zehn Tagen kündigen und müsste dann an Donadoni eine Abfindung von 550'000 Euro entrichten. Viele sagen, Abete würde diesen Betrag für seinen Freund Lippi gerne bezahlen.

(Stefan Wyss, Zürich/Si)

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