
Das Penaltyschiessen wird meistens als Lotterie bezeichnet. Doch das Glück ist nur einer von vielen Faktoren, die entscheiden, ob man aus elf Metern in einen fast 18 Quadratmeter grossen Kasten trifft.
Gut möglich, dass Fortuna ihre Hand im Spiel hatte. Doch vielleicht hatte auch die Vorgeschichte beider Elfmeter einen Einfluss auf die Flugbahn des Balles oder zumindest liefert sie eine Erklärung, weshalb der eine Ball im Tor landete, und der andere nicht. Schon in der regulären Spielzeit sind es Details, die entscheidend sind. Im Penaltyschiessen wird das Ganze auf die Spitze getrieben. Es geht darum Ruhe zu bewahren, mit positiven Gedanken zum ominösen Punkt zu schreiten. Wer das nicht schafft, dem sieht man die Nervosität an, und er wird vom erfahrenen Zuschauer rasch als potenzieller Penaltyversager identifiziert. Am Mittwochabend sprach viel mehr dafür, dass Alves verschiesst und Fabregas trifft als umgekehrt.
Bruno Alves war zu früh
Der Elfmeter von Alves: Der Innenverteidiger vergass, dass er als vierter Schütze vorgesehen war. Er lief zu früh Richtung Penaltypunkt. Nani, der dritte Schütze, musste ihn abfangen. Alves lief also wieder zurück zum Mittelpunkt und dann nochmals zum Elfmeterpunkt. Eine Qual, die Stuart Pearce, der frühere englische Internationale, der 1990 im WM-Halbfinal gegen Deutschland einen Penalty verschossen hatte, in seiner Autobiografie beschrieb: «Das Schlimmste ist der Gang vom Mittelpunkt bis zum Strafraum. Wieso lassen die uns so weit vom Elfmeterpunkt stehen. Nur ein Masochist kann das entschieden haben.»
Der Elfmeter von Fabregas: Der Mittelfeldspieler des FC Barcelona ging vor dem Penaltyschiessen zu Del Bosque hin und bat ihn darum, den fünften Penalty schiessen zu dürfen. Er wolle die Entscheidung herbeiführen. Er ging das Ganze mit einem positiven Gefühl an («Ich war überzeugt, dass wir das Elfmeterschiessen gewinnen»), was auch damit zu tun hatte, dass er bereits vor vier Jahren im EM-Viertelfinal gegen Italien den entscheidenden Penalty verwertet hatte. Und das Spanien generell auf einer Erfolgswelle reitet.
Der norwegische Sportwissenschaftler Geir Jordet wertete für seine 2009 erschienene Studie zum Thema Penaltyschiessen 200 Elfmeter von WM und EM aus. Drei von vier Penaltys landeten im Tor. Die Erfolgsquote war aber abhängig von verschiedenen Faktoren. Schoss ein Spieler den entscheidenden Elfmeter wie Fabregas, traf er in 90 Prozent der Fälle. Schoss er indes gegen das Ausscheiden, musste er also unbedingt erfolgreich sein, traf er nur zu 60 Prozent. Positiv auf die Trefferwahrscheinlichkeit wirkt sich auch die Zeit aus, die sich der Schütze beim Anlauf lässt sowie seine Körpersprache. Unvorhergesehene Ereignisse, wie sie Alves über sich ergehen lassen musste, haben oftmals negative Auswirkungen.
Youngs vermeintlicher Fehler
Noch deutlicher als bei Alves war das Indiz für einen Fehlschuss im Viertelfinal zwischen England und Italien. Da holte der Engländer Ashley Young bei seinem verschossenen Penalty mit dem Rücken zum Tor Anlauf. Wer sich nach dem Setzen des Balles vom Tor abwendet, verschiesst deutlich öfter als jener, der den Blick immer auf den Goalie gerichtet hat. «Vermeidungsverhalten», die zumindest im Sport negative Reaktion auf eine sich ankündigende Gefahr, signalisiert Unsicherheit.
Young kann allerdings nur zum Teil etwas für seinen misslungenen Schuss. Auch die Erfahrung seiner Vorgänger spielt nämlich ein Rolle. Dass England in seiner Geschichte von sieben Penaltyschiessen nur eines gewinnen konnte, wirkt sich auf die aktuellen Schützen aus. «Das Scheitern der Anderen im gleichen Trikot spuckt in deinem Kopf umher. Es erhöht den Druck und macht dich ein wenig ängstlich», sagte Ashley Cole, der gegen Italien ebenfalls erfolglos blieb.
Einstellung ist wichtig
Dass sich die Zeiten rasch ändern können und das man vom Penaltyverlierer zum Penaltysieger mutieren kann, bewies Sergio Ramos am Mittwochabend. Rund zwei Monate nachdem er gegen Bayern München im Halbfinal der Champions League seinen Elfmeter verschossen hatte, traf er nun gegen Portugal - mit einer «Panenka». Die Einstellung scheint genauso wichtig zu sein wie das Glück. Und an dieser beginnt man am besten schon in der Verlängerung zu arbeiten. In den Partien zwischen England und Italien sowie zwischen Spanien und Portugal setzte sich jeweils jene Mannschaft durch, die in der letzten halben Stunde offensiver und zielstrebiger agiert hatte.
(bg/Si)
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