Die Erinnerungen an die Skandal-Nacht von Istanbul
publiziert: Mittwoch, 11. Jun 2008 / 06:53 Uhr

Es war gleichzeitig einer der schönsten und schlimmsten Abende des schweizer Fussballs. Das Nationalteam qualifizierte sich trotz einer 2:4-Niederlage im Rückspiel der Barrage für die WM 2006. In Erinnerung bleiben aber vor allem die Tumulte danach.

Tumulte im Kabinengang - solche Szenen will heute niemand mehr sehen.
Tumulte im Kabinengang - solche Szenen will heute niemand mehr sehen.
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Die Bilder nach dem Schlusspfiff am 16. November 2005 im «Sürkü Saraçoglu» sind noch immer präsent: Wilde Hetzjagden der türkischen Spieler und Bertreuer auf die Schweizer genauso wie die Racheaktion von Benjamin Huggel.

Wohl für immer im Dunkeln bleiben die genauen Ereignisse, die sich anschliessend im Kabinengang abspielten; Fernseh-Teams wurden von Sicherheitsbeamten am Filmen gehindert.

Goalietrainer Erich Burgener wurde von einer Faust getroffen, Stéphane Grichting wurde - angeblich von Emre - in den Unterleib getreten. Der Walliser leidet auch zweieinhalb Jahre später noch immer an den Folgen des erlittenen Harnröhrenrisses.

Tagelanger Psycho-Krieg

Die Tumulte waren die Eskalation eines tagelangen Psycho-Krieges, den der türkische Trainer Fatih Terim laut und öffentlich führte und an dem auch die Schweizer nicht ganz unbeteiligt waren.

Den Anfang nahmen die Streitereien, als der Schweizerische Fussballverband dafür sorgte, dass im Hinspiel der WM-Barrage im Stade de Suisse vornehmlich Schweizer Fans Tickets erhielten.

Terim und die Türken, die auf ein Heimspiel vor Immigranten gehofft hatten, zeigten sich ob der Vorgehensweise des SFV irritiert.

«In der Türkei wird jeder Schweizer ein Ticket erhalten, der ins Stadion möchte. Wir werden gute Gastgeber sein», verkündete Terim.

«Lauter Lügengeschichten»

Akribisch beobachteten die türkischen Vertreter nach ihrer Ankunft in der Schweiz die Berichte über sie in den Schweizer Medien. «Lauter Lügengeschichten» las Terim angeblich im «Blick».

Er bemängelte bei erster Gelegenheit das Terrain im Stade Municipal des damaligen Super-Ligisten Yverdon als zu holprig. Und der Verband setzte sich für einen Wechsel des Schiedsrichters (der Belgier Frank de Bleekere statt des Spaniers Luis Medina Cantelejo) im Rückspiel ein.

Definitiv zum Kochen brachten die türkische Seele die Pfiffe von Schweizer Zuschauern während des Abspielens der türkischen Nationalhymne vor dem Hinspiel in Bern.

Nach dem Spiel sollen türkischen Betreuer - auch Terim - von Schweizern im Kabinengang zumindest verbal attackiert worden sein. Wie später aus den Katakomben in Istanbul sind weder Bilder noch verlässliche Schilderungen überliefert.

«Welcome to Hell»

Die Stimmung am Bosporus war durch die 0:2-Niederlage zusätzlich angeheizt, wie die Schweizer bei ihrer Einreise deutlich zu spüren bekamen. Mit dem Spruchband «Welcome to Hell» wurde das Nationalteam auf dem Atatürk-Flughafen begrüsst.

Es waren noch die freundlichsten Worte. Eineinhalb Stunden dauerte die Passkontrolle, eine weitere die Auslieferung des Gepäcks.

Schweizer Fans, die anderthalb Stunden später mit einem Linienflug nach Istanbul gereist waren, durchliefen Kontrolle und Gepäckausgabe in rund einer Stunde.

Training abgesagt

Auf der Fahrt in die Stadt wurde der Mannschaftsbus im stets stockenden Istanbuler Verkehr immer wieder mit Tomaten, Eiern und auch Steinen beworfen.

Das Training am Abend sagten die SFV-Verantwortlichen aus Sicherheitsgründen ab; ein Footing auf dem Hotelgelände wurde absolviert.

Terim fühlte sich derweil vor allem von den Schweizer Medien missverstanden und verunglimpft.

Emre trieb die Türken an

In der durch die Vorgeschichte aufgeheizten Atmosphäre fand auch die Partie in gehässigem Rahmen statt.

Daniel Gygax schied nach einem Foul schon nach einer halben Stunde verletzt aus; Philipp Degen wurde durch eine Auswechslung in der Pause vor einem drohenden Platzverweis bewahrt.

Im Mittelpunkt des türkischen Spiels stand Emre, der im positiven wie im negativen Antreiber der Emotionen des Heimteams war.

Pfeifkonzert

Zuweilen deutlich vor der Seitenlinie peitschte Terim seine Equipe zum wilden Sturmlauf.

Die Bank der SFV-Auswahl wurde vor, während und im besonderen nach dem Spiels mit kleinen Plastikstangen beworfen, an denen im ganzen Stadion verteilte türkische Fahnen befestigt waren.

Ein gellendes Pfeifkonzert - orchestriert vom Stadionspeaker - begleitete die Schweizer von der Hymne über jeden Ballkontakt bis zum Schlusssignal des belgischen Referees.

Drei Täter bestraft

Die Bilder der Flucht zum Kabinengang und der tumultartigen Szenen an dessen Eingang gingen um die Welt - selbst auf CNN war die Tritte Huggels und des türkischen Assistenztrainers Mehmet Ozdilek immer wieder zu sehen.

Die FIFA bestrafte dei Täter: Alpay, der Marco Streller in den Hintern kickte, wurde für sechs Spiele gesperrt; Huggel und Emre für letztlich je vier Partien.

Die Türkei musste seine ersten drei Qualifikationsspiele für die EURO 500 km ausserhalb des Landes und vor leeren Rängen austragen.

(von Sascha Rhyner/Si)

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