Die Routiniers verlieren ihre Macht
publiziert: Dienstag, 17. Jun 2008 / 07:39 Uhr / aktualisiert: Dienstag, 17. Jun 2008 / 08:17 Uhr

Die Zeit einiger altgedienter französischer Spieler scheint abgelaufen. Sie haben bislang bei dieser EM enttäuscht. Die Jungen im Team des WM-Finalisten 2006 begehren auf.

Arjen Robben schiesst ungehindert ein, Thuram und Sagnol sehen im wahrsten Sinne des Wortes alt aus.
Arjen Robben schiesst ungehindert ein, Thuram und Sagnol sehen im wahrsten Sinne des Wortes alt aus.
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Es ist seit dem 1:4 gegen Holland die grosse Frage rund um das Trainingscamp der Franzosen in Châtel-St-Denis: Folgt auf die historische Kanterniederlage der grosse Generationenwechsel in der «Equipe tricolore»?

Eigentlich hatte Nationalcoach Raymond Domenech im Sinn, die EURO 2008 dazu zu nutzen, die jüngeren, unerfahreneren Spieler wie Patrice Evra, Karim Benzema, Samir Nasri oder Lassana Diarra langsam in die Mannschaft zu integrieren. Eine Mischung aus Routiniers und aufkommenden Talenten sollte entstehen.

Doch die scheinbar sicheren Werte im Team haben versagt. Die Hierarchie ist zerstört.

Abwehr in der Kritik

Vorab die Abwehr, seit Jahren das Prunkstück der französischen Nationalmannschaft, steht im Kreuzfeuer der Kritik. Der 36-jährige Lilian Thuram bestritt gegen Holland sein 142. Länderspiel, es war eines der schlechtesten seiner Karriere.

Der Rekordinternationale gab es nach dem zweiten Gruppenspiel auch unumwunden zu, um aber zu ergänzen: «Ich habe auch mit 25 Fehler gemacht.»

Wie Thuram waren auch William Gallas (30) und Willy Sagnol (31) nicht auf der Höhe. Sie waren durch die Schnelligkeit der Holländer überfordert, als sich ihr Team ganz der Offensive zuwendete.

1:4 nur ein Ausrutscher?

Auf Grund der Statistik könnte man das 1:4 als simplen Ausrutscher hinstellen. Von den letzten 19 Partien blieb Frankreich schliesslich 15 Mal ohne Gegentreffer.

Doch dies lag in erster Linie daran, dass Domenech sein Team sehr defensiv auf- und vor allem einstellte, wie dass die Zuschauer im Letzigrund gegen Rumänien (0:0) sehen konnten oder mussten.

Damit schützte er seine Oldies in der Verteidigung. Sie mussten so gut wie nie einem Rückstand oder einem Gegner nachrennen. Die Offensive kaschierte mit ihrem Einsatz die Makel der Verteidiger.

Ribéry: Zu defensiv

So lange die Resultate stimmten, ging dies einigermassen gut. Mittlerweile scheint aber der junge Teil der «Equipe tricolore» zu rebellieren. Franck Ribéry sagte vorgestern: «Wir denken zu sehr ans Verteidigen. Ich glaube, wir müssen offensiver spielen. Wir müssen zusammen angreifen und zusammen verteidigen. Dies haben wir bisher nicht gemacht.»

Es ist eine zwar leise, aber unüberhörbare Kritik an Thuram, Sagnol, Gallas, aber auch Claude Makelele, die Absicherung im Mittelfeld. Ribéry hätte es so nie gesagt, aber er hätte es tun können: «Die Alten zwingen uns, vorsichtig zu spielen.»

Keine Harmonie mehr

In ihrem herrlichen Schlosshotel nahe Vevey herrscht schon lange nicht mehr die grosse Harmonie. Bei der WM 2006 hatten sich die wenigen, jungen Spieler im Hintergrund gehalten. Die Autorität und Leistungsfähigkeit von Zinédine Zidane und Co. war nie in Frage gestellt worden. Nun ist es anders.

Dies liegt nicht zuletzt an der Verletzung von Patrick Vieira. Der Captain ist auf und ausserhalb des Feldes normalerweise das Bindeglied zwischen Verteidigung und Sturm, zwischen alt und jung. Er fehlt Frankreich an allen Ecken und Enden. Ohne zu spielen, kann er seine Funktion nicht ausüben.

Hinter den Barrieren, die die Strassen zum Traininscamp der Franzosen erfolgreich blockieren, soll das eine oder andere böse Wort gefallen sein. Der grossen Sturmhoffnung Benzema wird fehlender Respekt gegenüber den Alten vorgeworfen.

Henry als Moralapostel

Thierry Henry soll sich zum Ärger einiger Mitspieler als Moralprediger profilieren wollen. Es fehlt das starke Bindeglied zwischen den verschiedenden Mentalitäten, die unantastbare Autorität, eben einen Zidane oder einen Vieira.

Im Nachhinein kann man sagen, es war vorauszusehen. Denn keiner der etablierten Spieler hat eine wirklich überzeugende Saison hinter sich. Das kratzt schnell an der Autorität.

Änderungen zu erwarten

Wie reagiert Domenech nun? «Es ist kein Fehler, den Leuten zu vertrauen, die dieses Vertrauen bislang gerechtfertigt haben», sagt Domenech, «Aber jeder wird älter und irgendwann ist es keine Frage des Vertrauens mehr, sondern der reinen Leistungsfähigkeit.»

Einige Änderungen sind zu erwarten. Thuram und Sagnol könnten den viel schnelleren Eric Abidal und Lassana Diarra Platz machen. Die Machtverhältnisse sind daran, sich zu ändern. Das Aufbegehren der Jungen wird früher oder später auf jeden Fall von Erfolg gekrönt sein.

(Julien Oberholzer/Si)

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