Domenech steht für Frankreichs Versagen
publiziert: Mittwoch, 18. Jun 2008 / 13:53 Uhr

Zwei Jahre nach dem Erreichen des WM-Finals verlässt Frankreich die EURO durch die Hintertür. Mit nur einem Punkt und einem erzielten Tor enttäuschte die «Equipe tricolore» auf der ganzen Linie. Nationalcoach Raymond Domenech sitzt auf der Anklagebank.

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Raymond Domenech einsam und verlassen: Er hat zu viele Fehler begangen.
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1 Meldung im Zusammenhang
Bereits seit dem ersten EM-Spiel gegen Rumänien stand Domenech in der Kritik. Diese akzentuierte sich nach dem 1:4 gegen Holland und wird nun nach dem EM-Out mit grosser Wahrscheinlichkeit zur Entlassung des Lyonnais führen.

Für den 3. Juli hat der französische Verband einen Entscheid angekündigt. Der Prozess gegen Domenech hat aber bereits begonnen. Einige französische Zeitung forderten bereits am Mittwoch die Entlassung des früheren U21-Coaches.

Nur ein Sieg gegen Italien hätte Domenech retten können. Doch diese Partie der letzten Chance im Letzigrund nahm rasch eine fatale Wende für Frankreich.

Nach acht Minuten verletzte sich Franck Ribéry, der einzige Franzose, der in den ersten beiden Partien zumindest ordentlich gespielt hatte, und ein gute Viertelstunde später verursachte Eric Abidal einen Penalty und sah dafür die Rote Karte. Damit war das Ausscheiden Frankreichs so gut wie besiegelt. «Unvermeidlich» titelte die Sportzeitung «L´Equipe» am nächsten Tag desillusioniert.

Fehlender Mut

Unvermeidlich heisst auch, dass der Ausgang vorhersehbar war. Viel zu viel lief im französischen Team schief. In erster Linie ist dafür der Trainer verantwortlich. Der «Sélectionneur» hat sich verkalkuliert.

Ihm fehlte der Mut den Formstand der einzelnen Spieler stärker zu gewichten als die Verdienste. Davon zeugte schon sein Aufgebot.

Die Nomination des bei Bayern München kaum eingesetzten Rechtsverteidigers Willy Sagnol an Stelle von Arsenals Bakary Sagna ist ein Beispiel dafür, die Nichtberücksichtigung von Innenverteidiger Philippe Mexes (AS Roma) ein weiteres.

Generationenwechsel verpasst

Domenechs beinahe unerschütterliches Vertrauen in die Routiniers hat seine Gründe. Kurz nach seinem Amtsantritt und einem misslungenen Start in die WM-Qualifikation 2006 holte er die damals zurückgetretenen Claude Makelele, Lilian Thuram und Zinédine Zidane ins Team zurück.

Er brach damit den angekündigten Generationenwechsel ab und vertraute seither vorab im Defensivbereich den bewährten Kräften. Das ging einmal gut, aber kein zweites Mal.

Seine einstigen Retter wurden zum Teil des Problems. Thuram (36), Makelele (35) und Sagnol (31) waren aller Verdienste zum Trotz kein Gewinn mehr für diese Mannschaft. Die Loyalität, eine der bemerkenswerten Eigenschaften von Domenech, wurde ihm zum Verhängnis.

Sie brachte das Teamgefüge durcheinander. Neben dem Feld hatten Spieler grossen Einfluss, die auf dem Rasen nicht die nötige Leistung zeigten. Dass der verletzte Captain der Mannschaft, Patrick Vieira, im 23-Mann-Aufgebot nicht ersetzt wurde, passt in dieses Bild.

Er kam keine Minute zum Einsatz und war doch tagtäglich ein Thema. Der Abwesende wurde zum Hoffnungsträger, ähnlich wie Zidane bei der völlig misslungenen WM 2002. Eine Internetseite taufte Vieira vor einigen Tagen «Phantom der EURO».

Fragwürdiges Coaching

Das ganze französische Team würde den Übernamen Phantom verdienen. In Châtel-St-Denis, wo die Franzosen ihr Trainingscamp hatten, wird sie niemand vermissen. Sie zeigten sich kaum und sorgten durch ihre, von Domenech angeordnete extreme Abgeschiedenheit für Antipathie bei der kleinen Bevölkerung.

Ein wenig mehr Offenheit und gezeigte Freude am Ereignis hätte dem Team gut getan. Domenech hielt seine Mannschaft auf und neben dem Feld an der kurzen Leine.

Der oftmals zynische Nationaltrainer war ein Gefangener seiner eigenen, festgefahrenen Ideen. Von seiner Überzeugung, die Defensive über alles andere zu stellen, kam er nicht mal ab, als Frankreich gegen Italien 0:1 zurücklag.

Er wechselte nach dem Penalty und der Roten Karte nicht einen defensiven Mittelfeldspieler für den benötigten Innenverteidiger aus, sondern mit dem kurz zuvor für Ribéry eingetretenen Samir Nasri den einzigen Kreativen im Team.

Fehlende Selbstkritik

Die letzten Argumente gegen sich lieferte Domenech am Dienstagabend nach der Partie gegen Italien. Anstatt Fehler einzugestehen, hielt er um die Hand seiner Verlobten an (!), sprach seinen Spielern ein Lob für die kämpferische Einstellung aus und haderte mit dem Schicksal und dem Schiedsrichter.

Er verlor sich in Ausflüchte: «Ich hätte vor der EM sagen müssen, dass dieses Turnier eine Vorbereitung für die WM 2010 ist. Damit wäre der Druck auf die Spieler weniger gross gewesen.»

Mit den Rücktritten von Thuram, dem letzten verbliebenen Spieler, der 1998 im WM-Final in der Startformation stand, Makelele und wahrscheinlich Sagnol ist ein Neubeginn zwingend. Domenech, der dem Team mit «den vielen jungen Talenten eine grosse Zukunft» voraussagt, wird diese schwere Aufgabe nicht zugetraut.

Mit Didier Deschamps steht einer der Weltmeister von 1998 als Nachfolger bereit. Der ehemalige Captain der «Bleus» geniesst viel Rückhalt und überzeugte bei seinen bisherigen Stationen als Trainer in Monaco und bei Juventus Turin.

(von Julien Oberholzer /Si)

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