Erklärungsnotstand in Feusisberg
publiziert: Freitag, 13. Jun 2008 / 00:00 Uhr / aktualisiert: Freitag, 13. Jun 2008 / 00:28 Uhr

Wirklich stichhaltige Analysen verbreiteten die schwer enttäuschten Schweizer Protagonisten am Tag nach dem bitteren Scheitern nicht. Das EM-Out liegt schwer auf und die Erklärung nicht auf der Hand. Von der Ineffizienz redeten die Verlierer.

Trainer Köbi Kuhn hat «zwei Spiele auf gleicher Augenhöhe» gesehen. Jeder Einzelne habe ihn überzeugt.
Trainer Köbi Kuhn hat «zwei Spiele auf gleicher Augenhöhe» gesehen. Jeder Einzelne habe ihn überzeugt.
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Nicht alle Spieler türkischer Herkunft freuten sich über die Schlagzeilen der ersten «Final-Partie». An Gökhan Inler, Hakan Yakin und Eren Derdiyok perlten die Jubelfanfaren aus dem Land ihrer Vorfahren ab. Sie empfanden, das war in ihren ersten Reaktionen nach dem EM-Schlusspfiff unübersehbar, doppelt schwer. «Bitter, sehr bitter. Diese Türken wären zu schlagen gewesen.» Yakins Einschätzung unterschrieben auch Inler und Derdiyok ohne Zögern.

Rückkehrer Yakin allein hätte die Differenz schaffen können. Die Nummer 10, für den verletzten Captain Alex Frei in die Startformation vorgerückt, besass drei hochprozentige Chancen. Nur eine verwertete er. So gut und leidenschaftlich Yakin auch spielte, so sehr stand er letztlich für das kapitale Manko der Schweizer: die Ineffizienz. Mit dem überfluteten Platz allein ist dieses Defizit nicht zu begründen.

Zu abwartend gespielt

Zu thematisieren ist in der Analyse des Scheiterns auch der Game-Plan. Obwohl die Schweizer mitten im fast irregulären Wolkenbruch das 1:0 erzwangen, entglitt ihnen die Kontrolle trotz des Heimvorteils.

«Wir warteten vorübergehend zu sehr ab, obwohl uns die Türken lange sehr viel Platz zugestanden haben», erklärte Derdiyok. Zur Unzeit rückten sie wieder von ihrer Strategie ab und stürmten in der Nachspielzeit fast blind, zumindest aber ohne Absicherung ins Out. Derdiyok widersprach dieser Einschätzung nicht.

Fehlende Routine nicht als Ausrede

Gökhan Inler griff bei seinem lapidaren Fazit in die Mottenkiste der Fussball-Weisheiten: «Wer die Tore nicht schiesst, bekommt sie. So einfach ist das.» Fehlende Routine liess Inler nicht als Ausrede gelten.

«Jeder im Team hat das Potenzial für ein Tor. Aber die Kaltblütigkeit fehlte», stellte der 23-Jährige nüchtern fest. Detaillierter mochte der Serie-A-Professional die Fehler nicht analysieren. Er kritisiert seine Mitspieler in der Öffentlichkeit nie.

Auch in schwierigen und mühsamen Situationen bleibt Inler ein höflicher Mensch. Und doch platzierte der intern (noch zu) zurückhaltende Mittelfeld-Leader eine interessante Bemerkung zur taktischen Disposition: «Ich kann den grossen Frust von Vonlanthen nachvollziehen. Man spürte, wie sehr er bereit gewesen wäre. Aber es war der Entscheid von Kuhn.»

Der formstarke Vonlanthen, der nach 66 Minuten Tranquillo Barnetta ersetzte, war offenbar nicht nur nach dem Geschmack des Publikums zu spät eingewechselt worden.

Trainer nicht schuld

Allzu viel Gewicht wollte Inler dem Coaching Kuhns indes nicht beimessen. Verloren haben die Schweizer wohl tatsächlich nicht in erster Linie auf der (Trainer-)Bank. Wer sich in zwei Spielen mehr Chancen als der Gegner erarbeitet und trotzdem «mit leeren Händen dasteht» (Inler), der hat nicht einfach nur Pech.

Irgendwann stellt sich auch die Frage der offensiven Qualität. Und von jener war spätestens nach dem Forfait von Captain und Topskorer Alex Frei erheblich zu wenig vorhanden.

Auf der Bühne einer EM sind keine Laien-Darsteller wie jene aus Togo am Werk. Exoten erleichtern das Programm nur an einer WM. In Europas Elite sind die Schweizer die Exoten. Gegen im Weltranking durchaus deutlich besser klassierte Teams genügen zwei befriedigende Auftritte nicht.

Erklärungsnotstand à la Kuhn

Kuhn hat «zwei Spiele auf gleicher Augenhöhe» gesehen. Jeder Einzelne habe ihn überzeugt. «Hart, dass das Turnier für uns am Sonntag zu Ende ist. Schade, c´est la vie.» Ein Erklärungsnotstand à la Kuhn.

Nicht weit vom Maximum entfernt gewesen seien sie, fand Kuhn. Nun stellt sich die Frage, wo für den Nationalcoach das Maximum beginnt. Lange vor dem ersten Ballwechsel an der EURO dachte er einmal laut an den Gewinn der EM.

Bereits am fünften Turniertag konnte er das Papier mit seinem Wunschtraum entsorgen. Gegen Portugal folgt die doppelte Derniere - für ihn als Coach, fürs Team an der EM 2008.

(Sven Schoch, Feusisberg/Si)

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Roger
 
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