Griechische Lockerheit trotz Personalsorgen
publiziert: Freitag, 22. Jun 2012 / 12:10 Uhr
Herber Verlust: Die Griechen müssen heute ohne ihren Captain Giorgos Karagounis auskommen.
Herber Verlust: Die Griechen müssen heute ohne ihren Captain Giorgos Karagounis auskommen.

Ihr wichtigster Mann wird ihnen im heutigen Viertelfinal gegen Deutschland fehlen. Trotzdem gehen die Griechen die Sache locker an.

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Giorgos Karagounis war nicht mehr zu beruhigen, nachdem ihm der schwedische Schiedsrichter Jonas Eriksson am Samstag die gelbe Karte gezeigt hatte. Der griechische Captain tobte, bekreuzigte sich, verzog das Gesicht zur wilden Grimasse und schlug die Hände über dem Kopf zusammen. Er konnte sein Unglück nicht fassen. Eriksson legte ihm im letzten Gruppenspiel gegen Russland eine Schwalbe im gegnerischen Strafraum zur Last. Karagounis hatte sich nicht allzu sehr gegen den Sturz gewehrt, doch sein Gegenspieler hatte ihn berührt und aus dem Rhythmus gebracht. Die Verwarnung war ein hartes Urteil.

Sperre wie im Final 2004

Die Bestrafung versetzte Karagounis deshalb derart in Rage, weil er wusste, dass er zum zweiten Mal in seiner Karriere eines der grössten Fussballspiele in der Geschichte seines Landes verpassen wird. Auch im gewonnenen EM-Final 2004 gegen Portugal war er gesperrt gewesen. Mit einem Einsatz im Viertelfinal gegen Deutschland wäre Karagounis zum alleinigen Rekord-Nationalspieler von «Hellas» aufgestiegen. Aktuell steht er auf gleicher Stufe mit dem zurückgetretenen Theodoros Zagorakis (je 120 Länderspiele).

Karagounis' Ausfall ist für die Griechen ein herber Verlust. Obwohl bereits 35 Jahre alt, gilt der Mittelfeldspieler von Panathinaikos Athen als ihr unermüdlicher Antreiber. Er ist das Herz und die Lunge des Teams. Karagounis war es auch, der gegen die Russen das Siegtor erzielte. Nicht zufällig trägt er die Nummer 10. Zwar hatte er im Eröffnungsspiel gegen Polen einen Penalty verschossen, dieser Faux-Pas wurde ihm aber schnell verziehen, weil er ansonsten positiv auffiel. Gegen Deutschland dürfte der Denker und Lenker durch den weitaus weniger erfahrenen Grigoris Makos ersetzt werden.

Bundesliga-Legionär verspricht Kampf

Offenbar lassen sich die Griechen auch durch Karagounis' Sperre nicht aus der Ruhe bringen. Sie haben an dieser EM schon mehr erreicht, als man ihnen vor dem Turnier zugetraut hatte. Rückschläge wie die Verletzungen von Avraam Papadopoulos und Stammgoalie Kostas Chalkias, den Platzverweis von Sokratis Papastathopoulos oder den Horror-Auftakt gegen Tschechien steckten sie locker weg. Sie konnten bislang in Polen auf ihre Leidenschaft und ihre Effizienz voll vertrauen.

Kyriakos Papadopoulos, Verteidiger-Talent von Schalke, fasst die Unbeschwertheit in Worte: «Wir haben nichts mehr zu verlieren. Was nun kommt, ist Zugabe. Das ist eine komfortable Situation. Aber eines können wir den Griechen versprechen: Wir werden kämpfen, kämpfen, kämpfen.» Er glaubt, dass es für sie ein Vorteil sein könnte, dass mehrere Griechen den deutschen Fussball gut kennen. Nebst ihm spielten zuletzt auch Papastathopoulos (Werder Bremen) und Kostas Fortounis (Kaiserslautern) in der Bundesliga. Dem mittlerweile in die Türkei gezogenen Theofanis Gekas ist der alemannische Stil ebenfalls vertraut. Und José Holebas ist sogar in Deutschland geboren. Er erblickte in Aschaffenburg das Licht der Welt. Gegen sein Geburtsland wird er allerdings wie Karagounis eine Sperre absitzen müssen.

Auf die wirtschaftspolitische Brisanz des Duells mit Deutschland wollten die griechischen Spieler nicht allzu tief eingehen. Man wolle sich auf den Sport konzentrieren, lautete der Tenor. Zu Fragen zur Finanzkrise solle der neue Ministerpräsident Stellung beziehen, so Ersatz-Captain Kostas Katsouranis. Dass die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel in der Arena von Danzig von den Hellenen nicht freundlich empfangen wird, ist dennoch fast unvermeidlich. Die Medien in der Heimat forderten für die heutige Partie den «deutschen EURO-Austritt».

Kein Wunschprogramm für Gekas

Die griechische Lockerheit war auch im Basis-Camp spürbar. Das Team trainiert in Legionowo und logiert in Serock, rund 40 Kilometer von Warschau entfernt. Es ist nicht in einem hermetisch abgeriegelten Fünf-Sterne-Tempel untergebracht, sondern in einem Familienhotel. Die hoch bezahlten Profis haben keine Berührungsängste und schreiben Kindern Autogramme. Die Journalisten können sich auf dem Gelände recht frei bewegen. Ein Reporter der deutschen Boulevard-Zeitung «Bild» soll Tür an Tür mit Nationaltrainer Fernando Santos gewohnt haben und den Coach beim Kettenrauchen beobachtet haben. Als Trojaner bezeichnete sich der Schreiberling. Böse Zungen behaupten, der klamme Fussballverband EPO habe sich bei der Wahl der Residenz nichts Besseres leisten können.

Privilegien für die griechischen Stars sind dünn gesät. Als am Sonntagabend in der Hotellobby die Partie Portugal - Holland über den TV-Bildschirm flimmerte und sich Theofanis Gekas lieber Deutschland - Dänemark angeschaut hätte, soll man dem Stürmer mitgeteilt haben, dass dies nicht möglich sei, weil andere Gäste lieber Cristiano Ronaldo bestaunen möchten. Doch anscheinend lassen sich die Griechen die Laune nicht verderben. Die Stimmung im Team sei ausgezeichnet, berichteten Beobachter. Getrübt wurde sie nur durch die Nachricht des Todes des ehemaligen Nationaltrainers Alketas Panagoulias. Er ist im Alter von 78 Jahren in den USA verstorben. Panagoulias steht für Griechenlands grösste Fussball-Erfolge im 20. Jahrhundert. Unter ihm qualifizierte sich «Hellas» erstmals für eine EM (1980) und eine WM (1994). Deshalb könnte Griechenland heute mit Trauerflor auflaufen.

(bg/Si)

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