«Högschde Disziplin» so gefragt wie nie zuvor
publiziert: Sonntag, 15. Jun 2008 / 16:48 Uhr

Nach der WM 2006 im eigenen Land trat Joachim Löw aus dem langen Schatten des allseits präsenten deutschen Bundestrainers Jürgen Klinsmann. Dabei war das schon «Sommermärchen» nicht zuletzt dem 48-jährigen Fussball-Taktiker zu verdanken.

Jogi Löw hat eine Jobgarantie bis 2010.
Jogi Löw hat eine Jobgarantie bis 2010.
In diesen Tagen wirkt Joachim «Jogi» Löw angespannter als gewohnt, und ein klein bisschen mürrisch.

Wenn alles normal läuft, und das war bis zur 1:2-Niederlage gegen Kroatien gewissermassen Dauerzustand, ist der Schwarzwälder ein besonnener, wortgewandter und umgänglicher Mensch.

Vor dem entscheidenden Gruppenspiel gegen Österreich am Montag in Wien aber geriet Löw ins Grübeln. Was hatte er selber falsch gemacht, dass Deutschland im 24. Spiel unter ihm die erst dritte, aber dafür empfindlichste Niederlage kassierte?

«Schwerarbeiter»

Die Gedankengänge dürften lange und sehr ausführlich gewesen sein. Denn Löw gilt als «Schwerarbeiter», als Akribiker, als einer, der den Fehler nicht nur bei den Spielern sucht.

Er wird sich überlegt haben, ob es eine gute Idee war, gegen Kroatien nach der Pause den nur läuferisch starken David Odonkor für den insgesamt erneut schwachen Marcell Jansen zu bringen.

Oder ob für Christoph Metzelder vielleicht nicht doch auch, wie für die übrigen Spieler, das Leistungsprinzip angewandt werden sollte.

Herbe Kritik

Löw, auf Grund seiner zuvor tadellosen Arbeit von den deutschen Medien hoch gelobt, musste erstmals in seiner zweijährigen Amtszeit herbe Kritik über sich ergehen lassen.

«Er hat die Aura des souveränen Cheftaktikers und seine Unfehlbarkeit verloren», schrieb der «Tagesspiegel» gar.

Zumal das deutsche Team im Quartier in Ascona von der Öffentlichkeit hermetisch abgeriegelt ist und ohnehin kein Informationsaustausch zwischen Presse und Beteiligten stattfindet, dürfte Löw die Schelte höchstens am Rande mitbekommen haben.

Ausführliche Fachanalysen

Seit Löw vor zwei Jahren als zehnte Person in der DFB-Geschichte (seit 1928, davor bestimmte ein Ausschuss Taktik und Aufstellung) zum Chefcoach ernannt wurde, verinnerlichten die Spieler Löws Auffassung von Taktik geradezu.

In Interviews bekommt Fussball-Deutschland nicht nur vom Trainer, sondern auch von den Spielern ausführliche Fachanalysen geliefert.

Selbst der Unterhaltungswert von Lukas Podolski («zackbumm, da war dat Ding drin») ausserhalb des Platzes ist auf ein Minimum gesunken. Doch das stört im nördlichen Nachbarland niemanden.

Kultstatus

Denn Löws Wertschätzung ist hoch. Oder zumindest bis zum Fehltritt gegen Kroatien war sie es. Durch seine Dialekt-Aussage «högschde Disziplin» in Sönke Wortmanns WM-Dokumentation «Deutschland. Ein Sommermärchen» erreichte der Badener so etwas wie Kultstatus.

Er schien für die Fans greifbarer als Klinsmann, der mehr Motivator und Repräsentant als Cheftrainer des Teams war.

In Wirklichkeit war und blieb Löw einer, der Wert auf die kleinsten Details legt(e) und mit seiner natürlichen Autorität Menschen auf Distanz halten kann.

Weltweit einzigartiges Niveau

Seine enge Zusammenarbeit mit Wissenschaftlern, Sport- und Ernährungsexperten, die Jürgen Klinsmann in der langen WM-Vorbereitung initiiert hatte, sind auf weltweit einzigartigem Niveau.

Laut «Sportbild» haben Löw und sein Team für jeden deutschen Vorrundengegner ein 90-seitiges Dossier erstellt, das neben sämtlichen taktischen Details auch heikle Themen aus dem Privatleben der jeweiligen Gegner enthielt.

Ein weiteres Beispiel: Wenn die Spieler zum Frühstück kommen, finden sie in ihrem Karteikästchen den individuellen Tagesplan. Löw will für jeden Fall gewappnet sein.

Keine grosse Laufbahn als Trainer

Erstaunlich an Löws Werdegang ist, dass er als Profifussballer und als Klubtrainer in Deutschland und der Schweiz (mit Schaffhausen, Winterthur und Frauenfeld, wo er seine Trainer-Karriere begann) mässig erfolgreich war.

Im Palmarès des ältesten von vier Söhnen eines Ofenbaumeisters stehen die meisten Tore für Zweitligist SC Freiburg, ein Cupsieg (1997), eine Finalteilnahme im Cupsieger-Cup mit Stuttgarts «magischem Dreieck» Bobic-Balakov-Elber (1998) und ein Meistertitel in Österreich (2002 mit Tirol).

Bei Austria Wien (als Leader!), Fenerbahçe Istanbul und Adanaspor endeten die Engagements des ehemaligen Stuttgarter Assistenten von Rolf Fringer nach Entlassungen dagegen vorzeitig.

Nie im Nationalteam

Erst als er 2004 unter Klinsmann, seinem ehemaligen Weggefährten in der Trainerausbildung in Bad Hennef, wichtiger Teil eines Teams aus Experten wurde, erhielt er in der Aussenwahrnehmung den Platz in der Hierarchie, der ihm schon vorher zustand.

«Es klingt paradox, ist aber dennoch wahr: Löw musste ganz oben anfangen, um ein guter Trainer zu werden», beschrieb die Zeitung «Süddeutsche» den Status des eloquenten Badeners, der als einer von nur drei Bundestrainern selber nie im A-Nationalteam gespielt hat.

Selbst wenn Deutschland am Montag die Viertelfinal-Qualifikation verpassen sollte, hat Löw eine Jobgarantie erhalten. DFB-Präsident Theo Zwanziger bestätigte, «egal, wie es am Montag ausgeht», mit Löw bis 2010 weiterarbeiten zu wollen.

Nur: 1984 für Jupp Derwall, 2000 für Erich Ribbeck und zuletzt 2004 für Rudi Völler mündete das EM-Out nach der Vorrunde in der Kündigung.

(von Stefan Baumgartner /Si)

 
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