Italien und Frankreich abhängig von Holland
publiziert: Montag, 16. Jun 2008 / 22:06 Uhr / aktualisiert: Dienstag, 17. Jun 2008 / 19:49 Uhr

Das hätte so wohl niemand erwartet: Wenn sich am Dienstag im Letzigrund Frankreich und Italien, die WM-Finalisten von 2006, ab 20.45 Uhr gegenüber stehen, sind beide davon abhängig, was Holland im Parallelspiel gegen Rumänien in Bern zu tun gewillt ist.

Hollands Stürmer Ruud van Nistelrooy.
Hollands Stürmer Ruud van Nistelrooy.
6 Meldungen im Zusammenhang
Franzosen und Italiener haben sich, selbstverschuldet, in eine ganz verzwickte Lage gebracht. Beide haben gegen Holland hoch verloren, beide brachten gegen Rumänien nur ein Unentschieden zustande. Und so droht ihnen nun im Gleichschritt der Abgang von der Euro-Bühne, ungeachtet dessen, wer das Duell in Zürich gewinnt.

Gewinnt Rumänien gegen die bereits als Gruppensieger feststehenden Holländer, spielt es keine Rolle, was auf dem Letzigrund passiert. Dann wären Italien (Weltmeister 1934, 1938, 1982 und 2006, Europameister 1968) und auch Frankreich (Weltmeister 1998, Europameister 1984 und 2000) weg. Für die Holländer ist die Situation gleichsam komfortabel wie unangenehm. Unterliegen sie in der vom Tessiner Massimo Busacca geleiteten Partie gegen Rumänien, droht ihnen der Vorwurf der Unsportlichkeit, halten sie aber die Osteuropäer in Schach, wird man sie später vielleicht der Naivität bezichtigen und kritisieren, die einmalige Chance, gleich beide WM-Finalisten von 2006 aus dem Rennen zu bugsieren, nicht wahrgenommen zu haben. Bereits im Halbfinal kann Holland wieder auf den Zweiten der Gruppe C treffen.

«Verliere auch im Tischtennis nicht gerne»

«Ich habe nur schon Mühe, wenn ich in den Ferien im Tischtennis verliere», erklärt Hollands Flügelstürmer Robin van Persie. Allein diese Aussage sagt vieles aus über die Mentalität der Holländer. Italiener oder Franzosen mögen vielleicht in einer ähnlichen Lage zum Taktieren neigen, den Holländern traut man solches weniger zu. Und es gibt tatsächlich viele weitere Argumente, die dafür sprechen, dass die Holländer nicht absichtlich verlieren.

Gegen 50'000 Holländer verwandeln derzeit Bern in eine Festhütte in orange. «Ihnen sind wir etwas schuldig. Wir haben hier in der Schweiz nur Heimspiele», meint Abwehrspieler Khalid Boulahrouz. Die Stimmung im eigenen Land ist eindeutig. Eine repräsentative Umfrage in Holland ergab: 90 Prozent schätzen, dass die «Elfstal» auf Sieg spielen wird, und nur 8 Prozent glauben an ein Taktieren ihres Teams. 2 Prozent äusserten sich nicht.

«Wir nehmen die Aufgabe ernst», versichert auch Coach Marco van Basten. Definitiv pausieren werden verständlicherweise Verteidiger André Ooijer und Mittelfeldspieler Nigel de Jong, die beide mit einer Gelben Karte belastet sind. Hinzu kommen ein paar weitere Stammspieler, die geschont werden. Das muss aber noch lange keine Wettbewerbsverfälschung sein. Im Gegenteil: Den Ersatzleuten wird es im Unterschied zu den Stars an der Motivation gewiss weniger fehlen.

Domenechs Provokation

Auch in Rumänien glaubt keiner an ein Geschenk der Holländer. «Sie wollen immer gewinnen», glaubt Captain Cristian Chivu. «Und was heisst schon Reservespieler. Wenn ein Ruud van Nistelrooy geschont wird, spielt halt ein Robin van Persie.» Stürmer Ciprian Marica vom VfB Stuttgart bezeichnete die Aussage von Frankreichs Coach Raymond Domenech («Wir müssten schon sehr optimistisch sein, um zu glauben, dass die Holländer die Rumänen schlagen werden») gar als Provokation.

Zudem sind die Holländer möglicherweise auch froh, wenn sie sich der Rumänen definitiv entledigen können. Bereits in der Qualifikation zu dieser Euro waren die Osteuropäer ihr Gegner. Ein Tor schossen die Holländer nicht. Im März 2007 gab es in Rotterdam ein 0:0, und im Rückspiel im Oktober setzte es in Constanza eine 0:1-Niederlage ab. Den einzigen Treffer erzielte Verteidiger Dorin Goian, der heute Dienstag nach seiner zweiten Gelben Karte ebenso fehlen wird wie Mittelfeldspieler Mirel Radoi (Nasenbeinbruch). Gruppensieger wurde Rumänien, mit drei Punkten Vorsprung auf Holland.

Arrivederci oder Adieu

Wie immer aber das Spiel zwischen Holland und Rumänien auch ausgeht, eines ist klar: 709 Tage nach dem WM-Final von Berlin muss einer der beiden Grossen das Feld räumen. Das zehrt an den Nerven. Italiens Trainer Roberto Donadoni ist sich sicher, dass «die Holländer alles geben werden», aber das mediale Umfeld in Italien wittert Verrat. «Holland bleib ehrlich», titelte Tuttosport in Erinnerung an die EM 2004 in Portugal. Dort hatten sich Schweden und Dänemark 2:2 getrennt, und die Italiener flogen so aus dem Wettbewerb, trotz einem 2:1-Sieg im letzten Vorrundenspiel.

Ein besonderes Spiel wird das Duell zwischen Weltmeister und Vize-Weltmeister für zwei Spieler von Bayern München. Italiens Luca Toni und Frankreichs Franck Ribéry verstehen sich beim deutschen Meister auf und neben dem Platz, doch einer der beiden muss als Verlierer vom Platz. Die Freundschaft werde darunter nicht leiden, sagen beide. «In den letzten Tagen haben wir uns regelmässig SMS geschickt.» Für Bayern traf Toni in dieser Saison in 46 Spielen 39 Mal, für Italien in 35 Partien bisher nur 15 Mal. Dennoch meint Ribéry: «Wenn wir ihn stoppen, haben wir eine gute Chance.»

Neben Luca Toni soll erstmals Antonio Cassano von Beginn an stürmen, zudem kehrt wohl Antonio Di Natale wieder für Alessandro Del Piero in die Startelf zurück. Und im Mittelfeld wird erwartet, dass Gennaro Gattuso wieder berücksichtigt wird. Bei den Franzosen dürften Willy Sagnol und Lilian Thuram ihren Platz in der Abwehr verlieren.

Das Comeback von Patrick Vieira gilt indes als unwahrscheinlich. Er hat zwar seine Oberschenkel-Verletzung auskuriert, ist aber noch nicht im Vollbesitz seiner Kräfte. Offen ist zudem, ob Thierry Henry erneut einzige Sturmspitze sein wird, oder ob mit Karim Benzema ein zweiter Angreifer nominiert wird.

Die möglichen Aufstellungen:

Holland - Rumänien (Gruppe C)

Dienstag, 20.45 Uhr. -- Stade de Suisse, Bern. -- SR Busacca (Sz).

Holland: 1 Van der Sar; 21 Melchiot, 3 Heitinga, 4 Mathijsen, 5 Van Bronckhorst; 6 De Zeeuw, 23 Van der Vaart; 7 Van Persie, 10 Sneijder, 11 Robben; 19 Huntelaar.

Rumänien: 1 Lobont; 2 Contra, 4 Tamas, 22 Radu, 3 Rat; 11 Cocis, 20 Dica, 5 Chivu; 16 Nicolita, 21 Daniel Niculae, 10 Mutu.

Bemerkungen: Holland ohne Ooijer und De Jong (beide mit Gelb vorbelastet), Rumänien ohne Goian (gesperrt) und Radoi (verletzt).

Frankreich - Italien (Gruppe C)

Dienstag, 20.45 Uhr. -- Letzigrund, Zürich. -- SR Michel (Slk).

Frankreich: 23 Coupet; 21 Diarra, 5 Gallas, 3 Abidal, 13 Evra; 6 Makelele, 20 Toulalan; 10 Govou, 22 Ribéry; 9 Benzema, 12 Henry.

Italien: 1 Buffon; 19 Zambrotta, 2 Panucci, 4 Chiellini, 3 Grosso; 8 Gattuso, 21 Pirlo, 10 De Rossi; 18 Cassano, 9 Toni, 11 Di Natale.

(ht/Si)

Kommentieren Sie jetzt diese fussball.ch - Meldung.
Lesen Sie hier mehr zum Thema
EURO 2008 Die Reprise des WM-Finals von ... mehr lesen
Andrea Pirlo versenkt den Penalty.
Torschütze Klaas Jan Huntelaar freut sich.
EURO 2008 Auch mit der B-Auswahl war ... mehr lesen
EURO 2008 Punkt halb sechs ging es am Dienstag in Bern wieder los: Zehntausende ... mehr lesen
Ein Holland Fan mit Karotten-Haar.
Ticketbesitzer werden aufgerufen, sich bereits zwei Stunden vor dem Spiel im Letzigrund einzufinden.
EURO 2008 Zürich - In Zürich steigt das Fieber ... mehr lesen
Weitere Artikel im Zusammenhang
Arjen Robben schiesst ungehindert ein, Thuram und Sagnol sehen im wahrsten Sinne des Wortes alt aus.
EURO 2008 Die Zeit einiger altgedienter ... mehr lesen
 
Stellenmarkt.ch
Kreditrechner
Wunschkredit in CHF
wetter.ch
Heute Fr Sa
Zürich 5°C 13°C Nebelfelderleicht bewölkt, ueberwiegend sonnig Nebelfelder recht sonnig
Basel 5°C 15°C Nebelfelderleicht bewölkt, ueberwiegend sonnig freundlich wolkig, aber kaum Regen
St. Gallen 3°C 11°C Nebelfelderleicht bewölkt, ueberwiegend sonnig recht sonnig freundlich
Bern 4°C 12°C recht sonnigleicht bewölkt, ueberwiegend sonnig recht sonnig wechselnd bewölkt
Luzern 5°C 12°C Nebelfelderleicht bewölkt, ueberwiegend sonnig recht sonnig recht sonnig
Genf 4°C 15°C recht sonnigleicht bewölkt, ueberwiegend sonnig sonnig wechselnd bewölkt, Regen
Lugano 7°C 16°C sonnigleicht bewölkt, ueberwiegend sonnig freundlich wolkig, aber kaum Regen
mehr Wetter von über 8 Millionen Orten