Kommentar zur Alpen-EM: Verstehen Sie Spass?
publiziert: Sonntag, 29. Jun 2008 / 22:40 Uhr

Wer wagt, gewinnt. Die EM in der Schweiz und Österreich war keine Bühne für Destruktive. Die Spanier qualifizierten ohne taktische Fesseln für den Final. Mit dem «Klassiker» gegen Deutschland endeten die 23-tägigen europäischen Fussball-Festspiele würdig.

Was bleibt haften? Boten die Hauptdarsteller Top-Acts oder nur Mäusekino? Die Antwort ist klar -- auf und neben dem Platz:

An der EURO 2008 wurden die Konsumenten in jeglicher Beziehung mit erstklassiger Unterhaltung verwöhnt. Holland bezirzte in der Vorrunde alle. Oranje deklassierte die enttäuschenden WM-Finalisten Italien und Frankreich. Im Viertelfinal verstand Russland dann aber keinen Spass mehr.

Nur drei Spiele lang

Die orange Revolution dauerte nur drei Spiele lang. Experten wie Uli Hoeness kündigten dafür eine russische an. Doch auch der Manager von Bayern München irrte sich. Spanien zwang die Sputniks zur Notlandung.

Wieder eine Wende an dieser glänzend inszenierten EM. Plötzlich redeten alle nur noch vom «One-Touch-Football» der Iberer und niemand mehr über Genie Arschawin und Co.

Viele steile Wege hätten an der «Alpen-EM» nach Wien geführt. Die wohl ungewöhnlichste Route wählten die Türken. Erst in Basel im Halbfinal wurden Fatih Terims Gipfelstürmer von der deutschen Seilschaft abgefangen. Sie demonstrierten vor allem den Schweizern, wie weit vermeintliche Statisten ins Rampenlicht vorrücken können. Sie waren keine Ballkünstler, aber Künstler der Entfesselung.

Dreimal Spielgeschichte

Dreimal schrieben die Türken die Spielgeschichte in der Nachspielzeit neu und belebten die Szene mit ihrer Leidenschaft. Ansonsten verlief vieles plangemäss. Schweden, die alten Griechen, ein Frankreich vor dem Umbau, die farblosen Rumänen, Österreich mit dem Sturm im Wasserglas, die naiven und nach 180 Minuten bereits chancenlosen Schweizer, die unsichtbaren Polen und die überschätzten Tschechen verabschiedeten sich im Vorprogramm.

Ausser den zu euphorischen und zu geldgierigen einheimischen Barbetreibern vermisste niemand die Gescheiterten. Dass die beide Veranstalter früh nur noch Gastgeber waren, beeinträchtigte die EURO nicht. Über hunderttausend holländische Fans organisierten das Fest in Eigenregie. Bern verwandelten sie in einen Orangen-Märt, Basel bescherten sie einen vierten «scheenschte Daag».

Niemand missbrauchte die EM

Die TV-Bilder der holländischen Umzüge entzückte nicht nur die europäische Fussball-Gemeinde, sogar «Al-Jazeera» berichtete live über die friedliche Invasion der «Voetbal Olé-Camper».

An der Endrunde 2008 fanden nur Wasserschlachten statt, nichts ausser ein paar kräftige Gewitter trübten die Atmosphäre. Hooligans hatten keinen Zutritt. Der riesige Aufwand im Sicherheitsbereich hat sich gelohnt. Niemand missbrauchte die EM als Plattform.

(von Sven Schoch/Si)

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