
Am Tag nach dem 1:3 gegen England referierte Ottmar Hitzfeld offen über die Mankos der Schweizer Equipe. Der Trainer forderte explizit ein besseres taktisches Verhalten und beschönigte nichts: «Die Situation ist ernst.»
Ottmar Hitzfeld analysierte den gründlich missratenen Auftakt zur EM-Kampagne mit der Distanz einer Nacht ohne Maskerade. Im Gegensatz zu seiner Equipe auf dem Rasen wählte der Nationalcoach einen ungewöhnlich direkten Weg: «Ich hätte gestern in unserer Mannschaft nicht Stürmer spielen wollen. Dann hätte ich den Ball hinten holen und ihn vorne auch noch selber reinmachen müssen.»
«Es braucht die Intelligenz»
Das «Bonmot» des Trainers ist aus der Sicht der schwer geschlagenen Spieler als Frontalangriff zu werten. Ein geordneter Aufbau von hinten heraus sei für sie momentan schwierig, fuhr der Selektionär fort. «Wir müssen uns beim Pressing etwas einfallen lassen.» Die zahllosen Ballverluste missfallen dem zweifachen Champions-League-Sieger schon länger. «Es braucht die Intelligenz, im richtigen Moment das Richtige zu tun.»
In der völlig ungenügenden ersten Hälfte hatten sich die Schweizer so zaghaft wie ungeschickt verhalten. «England war in einer Top-Verfassung. Sie riefen ihr gesamtes Können ab. Gerade dann muss man aggressiv spielen. Aber da gab es ja fast kein Foulspiel», wunderte sich Hitzfeld über den allzu passiven Widerstand seiner Mannschaft. «Schon in den ersten fünf Minuten zeichnete sich ab, dass wir zu viel Respekt hatten.» Deshalb fordert er nun eine schlagartige Kursänderung: «Wir müssen wieder über die Zweikämpfe ins Spiel kommen.»
Kredit verspielt
Immer wieder sprach der Deutsche von den Grenzen, die ihnen die Engländer aufgezeigt hätten. Man spürte es beim Termin mit den Journalisten: Hitzfeld mochte seine Enttäuschung oder Ernüchterung gar nicht erst verbergen. Für einmal kritisierte er auch einzelne Spieler öffentlich. Über Lichtsteiners gelbe Karte wegen Reklamierens ärgerte sich Hitzfeld «masslos». Wenig später sah der Verteidiger Gelb-Rot. «Das schwächte uns massiv.» Eren Derdiyoks Minimalismus prangerte Hitzfeld ebenfalls an: «Man muss halt auch mal zehnmal umsonst laufen und mehr investieren, um sich eine Chance zu erarbeiten.»
Die beiden haben ihren Kredit mutmasslich einstweilen verspielt. Lichtsteiner wird in Podgorica im Oktober wegen seiner Sperre ohnehin fehlen; danach wäre ein Timeout als erzieherische Massnahme keine Überraschung. Derdiyok, vielleicht sogar talentierter als alle anderen Schweizer Stürmer, aber zu selten in der Nähe der eigenen Schmerzgrenze, wird unter normalen Umständen Streller weichen müssen.
Hitzfelds Kreis an geeigneten Kandidaten ist indes überschaubar. Nur schon deshalb ist eine völlig umformierte Equipe auszuschliessen. Ein radikaler Umbau würde die Destabilisierung sowieso eher verschärfen. Die Rückkehr von Barnetta, Stocker oder Behrami würde sich der Nationalcoach wünschen. Mehr passiert nicht. Transferfenster öffnen sich auf Verbandsebene keine.
Ein Lichtblick
Nur wenige verschonte der frühere Bayern-Trainer. Gökhan Inler und Pirmin Schwegler, die beiden Arbeiter in der Zentrale, hätten ihren Job ordentlich erledigt. Der 18-jährige Torschütze Xherdan Shaqiri erhielt gar ein Sonderlob: «Er hat sich nachhaltig aufgedrängt.» Hitzfeld gefiel, mit wieviel Schwung und taktischer Reife der unbekümmerte Basler das statische Spiel der Schweizer nach der Pause auf drei verschiedenen Positionen belebte.
Shaqiri allein wird das stagnierende Team nicht aus dem Tief führen. Schon gar nicht beim Co-Leader in Montenegro. Auf dem Balkan werden die Schweizer am 8. Oktober zum frühstmöglichen Zeitpunkt mit einer kursweisenden Aufgabe konfrontiert. Ein paar Spieler hatten den Ernst der Lage unmittelbar nach dem Schlusspfiff in Basel noch nicht erkannt, ihr Chef hingegen schon: «In Montenegro steht uns ein Schlüsselspiel der Qualifikation bevor.»
Chef-Stratege Hitzfeld
Ein Sieg oder Remis der Bulgaren wäre ihm lieber gewesen, so Hitzfeld. Weil die EM-Ausscheidung aber kein Wunschkonzert ist, musste er eingestehen, dass «wir mit dem Rücken zur Wand stehen». Etwa so wie nach dem miserablen Start zur WM-Kampagne (Remis in Israel und Pleite gegen Luxemburg). «Aber für uns wird es auch die Gelegenheit sein, gegen einen direkten Konkurrenten zu punkten.»
In jenem Moment wandelte sich der Kritiker Hitzfeld wieder zum Chef-Strategen, der meist im exakt richtigen Moment das Positive in den Fokus zu rücken vermag. Er war zuvor sozusagen auch ein bisschen strategisch schonungslos. Ob seine Botschaften angekommen sind, wird spätestens in Podgorica erkennbar sein.
(Sven Schoch/Si)
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