San Iker wacht über Spanien
publiziert: Sonntag, 1. Jul 2012 / 14:30 Uhr / aktualisiert: Sonntag, 1. Jul 2012 / 14:54 Uhr
Ohne Casillas würde die Fussballwelt vielleicht anders aussehen.
Ohne Casillas würde die Fussballwelt vielleicht anders aussehen.

Iker Casillas verhinderte in den letzten Jahren mehrmals das Ende der spanischen Dominanz. Der 31-jährige Keeper ist ein Retter ohne Allüren.

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Es gibt Phasen im Spiel der Spanier, da könnte man meinen der Welt- und Europameister bräuchte gar keinen Goalie. Dann, wenn der Ballbesitz der Iberer gegen 70, 80 Prozent tendiert, sieht Iker Casillas den Ball nur von weitem. Er macht dann eher einen gelangweilten Eindruck, ist ein stiller Beobachter, der nicht die gleiche Präsenz ausstrahlt wie ein Manuel Neuer, der mit seiner Masse das halbe Tor zu füllen scheint, oder ein Gianluigi Buffon mit seinen langen Armen.

Casillas, doch auch 1,85 Meter gross, erwacht dann zum Leben, wenn sich der Ball nähert. Die einfachen Interventionen vollbringt er mit Sicherheit und Ruhe, die schwierigen oftmals mit phänomenalen Reflexen. «Er macht die wichtigen Paraden im richtigen Moment», sagt Xabi Alonso über seinen Captain. Wenn es einer Mannschaft mal gelingt, sich einen Torschuss zu erarbeiten, steht meistens Casillas noch im Weg. Das mussten die Kroaten im letzten Gruppenspiel erfahren, als er zweimal gegen Rakitic und Perisic einen Rückstand und das mögliche Out verhinderte.

Ohne Casillas würde die Fussballwelt vielleicht anders aussehen. Öfter, als man vielleicht in Erinnerung schwelgend vermutet, war der Madrilene das Zünglein an der Waage, derjenige, der überhaupt dafür sorgte, dass man vom spanischen Kurzpassspiel sprach. Im EM-Viertelfinal 2008 gegen Italien, als die spanische Dominanz ihren Anfang fand, hielt Casillas im Penaltyschiessen zwei Elfmeter. Auch im WM-Viertelfinal 2010 gegen Paraguay und am Mittwoch gegen Portugal wehrte er Penaltys ab. Dazu kommen die Paraden im WM-Final 2010 gegen Arjen Robben.

Bei Real Madrid ist die Liste seiner Grosstaten noch deutlich länger. Im Champions-League-Final 2002, als der spanischer Meister seinen bislang letzten internationalen Titel gewann, sicherte er den 2:1-Sieg gegen Leverkusen mit drei brillanten Abwehraktionen in der Nachspielzeit. In dieser Saison war er vor allem in den Partien gegen den Erzrivalen FC Barcelona mehrmals der Retter in der Not und feierte am Ende seinen fünften Meistertitel. Neben den fünf Meistertiteln , gewann er auch zweimal die Champions League und war Welt- und Europameister - auch mit den Junioren!

Der Heilige und die Oase

San Iker nennen ihn die Spanier, der heilige Iker. Der Spieler, auf den man hofft, wenn die Lage für einmal fast aussichtslos ist. Seine Erfolgsquote ist beeindruckend. In den 136 Länderspielen, die er bislang bestritten hat, spielte er 78 Mal zu null. Das ist genauso ein Rekord wie die 99 Siege, die er im Trikot der Spanier feiern konnte. Bei den letzten drei grossen Turnieren musste er sich nur sechsmal geschlagen geben. In der K.o.-Phase ist er seit dem WM-Achtelfinal 2006 (1:3 gegen Frankreich) ohne Gegentor. Sein letzter Bezwinger war damals Zinédine Zidane.

«Ich habe das Glück, in einer überragenden Mannschaft zu spielen», wehrt Casillas die Laudatio ab. Dass er Einzug in die «People-Rubrik» der Zeitungen und Illustrierten gefunden hat, liegt nicht an seinem Auftreten, das ist weiterhin erfrischend bescheiden, sondern am Paar, das er mit seiner Verlobten bildet, der bezaubernden Journalistin Sara Carbonero. Die auch schon von einem Männermagazin als schönste Sportjournalistin der Welt gekürte 28-Jährige und Casillas entzückten Spanien, als sie sich nach dem gewonnen WM-Final vor laufender Kamera küssten.

Ganz speziell verehrt wird Casillas aber in seiner Heimatstadt Mostoles, wo eine Strasse nach ihm benannt ist. Dort, wo die «Avenida de Iker Casillas» beginnt, steht auf einem Stein ein Zitat des Welttorhüters der letzten vier Jahre, eines, das ihn gut charakterisiert: «Ich bin kein Galactico, ich bin aus Mostoles.» Das sagte er vor rund zehn Jahren, als Real Madrid die Galaktischen genannt wurde. Auch heute kann er die Erfolge noch einordnen: «Der Fussball ist in der momentanen Wirtschaftskrise, in der sich Spanien befindet, ein Ort, wo die Leute alles ein wenig vergessen können, eine Art Oase.» Und San Iker ist deren heiliger Wächter.

(pad/Si)

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