Türkische Sorgen und deutsches Understatement
publiziert: Mittwoch, 25. Jun 2008 / 07:30 Uhr / aktualisiert: Mittwoch, 25. Jun 2008 / 17:42 Uhr

Die Deutschen steigen heute Abend (20.45 Uhr) gegen die Türkei als klare Favoriten in den ersten EM-Halbfinal. Den Türken fehlen im St.-Jakob-Park in Basel bis zu neun verletzte oder gesperrte Spieler.

Kapitän Michael Ballack wies die Favoritenrolle von sich: «Die Türken können sich sehr gut auf einen Gegner einstellen».
Kapitän Michael Ballack wies die Favoritenrolle von sich: «Die Türken können sich sehr gut auf einen Gegner einstellen».
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Rainer Calmund, früherer Manager von Bayer Leverkusen, prägte an dieser EURO den Satz, dass «ein Spiel gegen die Türken erst zu Ende ist, wenn diese im Bus sitzen».

In der Tat erwies sich die «Milli Takim» als Stehaufmännchen. Sowohl gegen die Schweiz als auch gegen Tschechien und zuletzt im Viertelfinal gegen Kroatien wendete die Türkei eine Niederlage in extremis ab. Doch der unermüdliche Kampf forderte Opfer.

Ausfälle der türkischen Mannschaft

Die Türken sind das Team mit den meisten begangenen Fouls im Turnier; Keeper Volkan, Doppeltorschütze Arda, Middlesbrough-Profi Tunçay sowie Verteidiger Emre Asik fehlen im Halbfinal wegen Sperren.

Emre Güngör und Villarreal-Star Nihat fallen wegen Verletzungen für den Rest des Turniers aus; Emre Belözoglu zumindest für den Halbfinal. Nihat ist bereits nach Spanien geflogen, um seinen verletzten Oberschenkel operieren zu lassen. Dazu sind Servet und Tümer mehr als nur fraglich.

«Natürlich ist es hart, viele verletzte Spieler zu haben. Aber die Spieler, die diese Plätze einnehmen werden, werden ihr Bestes geben», verspricht Semih Sentürk. Der türkische Torschützenkönig beeinflusste mit seinen Toren gegen die Schweiz und Kroatien den türkischen Höhenflug massgeblich.

«Wir haben vor niemandem Angst, auch wenn viele verletzt und gesperrt sind», erklärte auch Gökhan Zan. Und im Vorfeld fragte Fatih Terim -- wohl mehr spasseshalber -- an, ob der dritte Goalie Tolga auch als Feldspieler eingesetzt werden könnte.

Ballack: «Nicht unterschätzen»

Im deutschen Lager im Tessin ist man bemüht, die Sorgen der Türken zu bagatellisieren. «Wir werden sie auf keinen Fall unterschätzen», sagte Captain Michael Ballack.

«Wenn eine Mannschaft im Halbfinal steht, dann ist sie stark genug, da auch zu bestehen», ergänzte Assistenz-Trainer Hans-Dieter «Hansi» Flick, dessen Stimme von seinem Einsatz am Donnerstag gegen Portugal noch immer gezeichnet war. Er tritt heute wieder ins zweite Glied zurück, nachdem Joachim «Jogi» Löw im Viertelfinal noch eine (arg strenge) Sperre zu verbüssen hatte.

«Leidenschaft und Wille» machte Flick beim Gegner aus; dies müssten die Deutschen den Türken entgegenhalten. «Von der ersten Sekunde an brennen», fordert er. «Wir sind alle geil darauf, in den Final einzuziehen», gab Flick die Leidenschaft gleich selber vor.

Training auf abgeschottetem Platz

Der Bundestrainer verlegte gestern im Centro Sportivo von Tenero das Training, das die Deutsche wie gewohnt nicht im Stadion abhielten, auf einen noch mehr abgeschotteten Platz. Vor dem Viertelfinal waren Bilder und Informationen vom Abschlusstraining der Deutschen und ihr geändertes System durchgesickert.

Der Platz 2 sei für «Spione» nicht einzusehen, hoffte man im deutschen Team. Die taktische Gruppierung -- 4-4-2 wie in den Gruppenspielen oder 4-2-3-1 wie gegen Portugal -- war im Tessin das dominierende Thema.

«Flexibel trainiert»

Ballack bemühte an der Medienkonferenz die Floskel, dass sie mehrere Optionen durchgespielt und «flexibel trainiert» hätten. Die Taktik würden sie noch nicht kennen, sagte er und musste gleich selber lachen.

«Gegen Portugal hatte es gut funktioniert, aber die Türken werden anders spielen», so der Chelsea-Profi. «Die Portugiesen haben weniger Zerstörer in ihren Reihen, deshalb war es für uns auch leichter. Die Türken werden defensiver spielen und wir werden mehr im Ballbesitz sein», ist Ballack überzeugt.

Deutsche weisen Favoritenrolle von sich

Die klare Favoritenrolle wies Ballack in jedem Fall von seinem Team. «Die Türken können sich sehr gut auf einen Gegner einstellen, und der Trainer motiviert die Mannschaft sehr gut», so die zentrale Figur im deutschen Spiel. Er erwarte ein in jedem Fall unangenehmen Gegner.

Dennoch sind nur schon die Wettquoten klares Indiz: 1,4 für einen Sieg Deutschlands und 7,0 für einen türkischen Erfolg sind die Auszahlungsfaktoren bei einem der führenden Anbieter. «Es motiviert uns umso mehr, wenn der Gegner höher eingeschätzt wird», sagt Semih.

Deutschland - Türkei. -- Mittwoch, 20.45 Uhr. -- St.-Jakob-Park, Basel. -- SR Busacca (Sz).

Die möglichen Aufstellungen:

Deutschland: 1 Lehmann; 3 Friedrich, 17 Mertesacker, 21 Metzelder, 16 Lahm; 8 Frings, 15 Hitzlsperger; 7 Schweinsteiger, 13 Ballack, 20 Podolski; 11 Klose.

Türkei: 1 Rüstü; 20 Sabri, 4 Gökhan Zan, 6 Mehmet Topal, 3 Hakan Balta; 18 Kazim, 7 Mehmet Aurelio, 10 Gök Deniz, 22 Hamit Altintop, 11 Tümer; 9 Semih Sentürk.

Bemerkungen: Deutschland komplett, Türkei ohne Volkan, Arda, Emre Asik, Tunçay (alle gesperrt), Emre Belözoglu, Servet, Emre Göngür und Nihat (alle verletzt).

(Sascha Rhyner, Basel/Si)

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