Sensation perfekt
«Viva Leicester!»
publiziert: Dienstag, 3. Mai 2016 / 09:42 Uhr / aktualisiert: Dienstag, 3. Mai 2016 / 10:48 Uhr

Auf der Insel gibt es keine zwei Meinungen: Leicesters Sturm an die Spitze der Premier League werten die Beobachter als grösste Story im englischen Klubfussball. Zurück bleibt der ratlose britische Fussballadel.

4 Meldungen im Zusammenhang
Thun anstelle von Basel Meister? Eibar auf Kosten von Barça oder Real Madrid am Ende der Saison auf Platz 1? Carpi entthront Juventus Turin? Guingamp stoppt Paris Saint-Germain? Undenkbar, im Prinzip ausgeschlossen! Leicester wirtschaftet zwar grundsätzlich in einer anderen Preisklasse als die aufgelisteten Zwerge, aber im Verhältnis zur englischen Konkurrenz ist der Vergleich mit anderen Leichtgewichten Europas zulässig.

Im Ballungsraum der global bekanntesten und finanzkräftigsten Klubs, im wohl schwierigsten und höchstdotierten Wettbewerbsfeld der internationalen Fussballbranche, in der Liga mit dem weltweit grössten TV-Geldvolumen stellte ein 1:5000-Aussenseiter Giganten wie Manchester City, ManU, Liverpool oder Chelsea vor unlösbare Probleme. Auf eine solche Story wäre kein irdischer Drehbuchautor je gekommen.

Gigantische Systemausfälle

In den letzten 55 Saisons schockten zwei englische Klubs die nationale Konkurrenz im ähnlichen Stil. Ipswich Town (1961) mit Sir Alf Ramsey an der Seitenlinie und Nottingham Forest (1978) unter dem legendären Coach Brian Clough. Im Jahr der Forest-Mania wird Karol Wojtyla als Johannes Paul II. zum Papst gewählt, in Italien wüten die Roten Brigaden, Grossbritannien tritt der Europäischen Gemeinschaft bei, der «Spiegel» muss auf Geheiss der DDR-Führung sein Ostberliner Office schliessen.

Kurzum: Nottingham siegte in einer anderen Zeitrechnung, TV-Sequenzen aus jener Epoche wirken in der aktuellen High-Speed-Gesellschaft wie Zeitlupenaufnahmen. Namenlose Sieger gab es schon immer, aber Gewinner aus dem Nichts, die in einem hochgerüsteten und restlos technologisierten Umfeld während 36 Runden bei ausnahmslos allen Favoriten Systemausfälle provozieren, sind einzigartig.

Eine Equipe mit einem Topskorer namens Jamie Vardy, der vor wenigen Jahren in der achten Liga gegen den Ball kickte und sich bei den Stocksbridge Park Steels wegen einer Kneipenschlägerei eine halbe Saison lang nach einer Stunde auswechseln liess, um seine elektronischen Fussfesseln rechtzeitig zu montieren, manövrierte die komplette Prominenz aus.

Der irische Chef-Scout Steve Walsh dribbelte alle aus; er hob Spieler aus der Versenkung, die sämtliche übrigen Laptop-Strategen übersehen hatten, oder für zu wenig entwicklungsfähig taxierten. Er entdeckte reihenweise Juwelen, unter ihnen Riyad Mahrez, den er dem französischen Zweitligisten Le Havre für 500'000 Euro abkaufte. Der Algerier ist inzwischen zum Spieler der Saison gewählt worden; für ihn werden in Kürze mit 30 Millionen dotierte Offerten vorliegen.

Kaum fassbare Dimension

Die sportliche Reichweite Leicesters fühlte sich auf dem Papier derart gering an, dass kein einigermassen vernünftiger Experte das Team der Abgeschobenen, Aussortierten und Unterschätzten im vergangenen Sommer für gut genug hielt, auch nur ansatzweise eine wichtige Rolle zu spielen. Der BBC-Fussballchef Phil McNulty hielt wie viele seiner Berufskollegen die erneute Relegation für wahrscheinlicher als eine Top-10-Klassierung.

Um die Dimension der Überraschung zu erfassen, ist womöglich ein weiterer Auszug erheblicher Zahlen hilfreich: Die von Claudio Ranieri bevorzugte Startelf ist rund zwölfmal weniger kostenintensiv als jene von Man City - 28 Millionen Euro vs. 358 Millionen. Das Portal «Sporting Intelligence» und die Wirtschafts-Agentur «Bloomberg» platzierten den Hinweis, Manchester United habe während der zweijährigen Amtszeit von Louis van Gaal (geschätzte 250 Millionen Pfund) mehr investiert als der neue Titelträger in den 132 Jahren seiner Klubgeschichte.

In mehreren fundierten englischen Kommentarspalten wird der grandiose Coup Leicester als «eine der grössten Sportgeschichten aller Zeiten» gewürdigt. Die in der Regel eher zurückhaltende BBC ist sich mit den Schlagzeilenproduzenten der «Sun» für einmal uneingeschränkt einig: «Leicesters Krönung ist die grossartigste Fussballgeschichte aller Zeiten!»

Beim grössten englischen Wettanbieter setzten exakt 47 Unentwegte auf die kleine City, die im Verlaufe ihrer Geschichte 22-mal auf- oder abgestiegen ist und erst vor sechs Jahren für weniger als 40 Millionen Pfund (!) den Besitzer wechselte.

Ein Wendepunkt?

Der frühere Topstürmer Alan Shearer, 1995 mit Blackburn Meister, bevor sich bis zur Sensation von Leicester ausnahmslos Teams aus London und Manchester durchsetzten, ordnete den sagenhaften Triumph der «Foxes» ebenfalls ganz oben ein: «Was ein Team wie Leicester schaffte, es nicht nur mit den reichen und erfahrenen Giganten aufzunehmen, sondern sie zu schlagen, ist das Beste, was im Fussball passieren kann.»

Robbie Savage pflichtete der Three-Lions-Ikone bei. Der Ex-Leicester-Profi glaubt, der Exploit des Vereins aus den East Midlands sei wohl nie mehr zu toppen. Und er ist sich sicher: «Das ist ein Wendepunkt in der Geschichte der Premier League.»

In die gleiche Richtung zielte Irlands Selektionär Martin O'Neill - auch er einst mit respektablem Output in Leicester engagiert. Der Verein habe nicht nur eine brillante Geschichte produziert, sondern jedermann etwas Hoffnung gebracht, «dass die Romantik im Fussball nicht verschwunden ist».

Für den «Guardian» ist es auch ein Triumph des Widerstandes - in einer weitgehend orchestrierten und keimfreien Fussballwelt weniger Leader, die mit Hilfe Hunderter Spezialisten und professioneller Berater «Zufallsprodukte» wie Leicester im Prinzip auf ein Minimum reduzieren wollen. «Viva Leicester!»

(arc/Si)

?
Facebook
SMS
SMS
0
Forum
Kommentieren Sie jetzt diese fussball.ch - Meldung.
Lesen Sie hier mehr zum Thema
Torjäger Jamie Vardy bleibt Leicester ... mehr lesen
Leicester City ist die Vertragsverlängerung mit Jamie Vardy geglückt.
Wenig überraschend heisst der ... mehr lesen
Tausende feiern in Leicester den sensationellen Meistertitel der «Foxes» in der Premier League. Baumeister des Erfolgs ist Claudio ... mehr lesen
Leicester City schreibt die faszinierendste Geschichte seit der Premier-League-Gründung 1992. Dank dem Punktverlust Tottenhams (2:2 gegen Chelsea) sichern sich die Foxes den ... mehr lesen
Leicester City ist die Vertragsverlängerung mit Jamie Vardy geglückt.
Leicester City ist die Vertragsverlängerung mit Jamie Vardy geglückt.
Korb für Arsenal  Torjäger Jamie Vardy bleibt Leicester City treu. mehr lesen 
Juan Mata sorgte für den Siegtreffer. (Archivbild)
1:0 Sieg gegen Norwich  Manchester United kann die nächste Saison mit einem internationalen Wettbewerb planen. ... mehr lesen  
Meistertrainer Ranieri  Tausende feiern in Leicester den sensationellen Meistertitel der «Foxes» in der Premier League. Baumeister des Erfolgs ist Claudio Ranieri, der mit 64 Jahren erstmals Meister ... mehr lesen  
Titel Forum Teaser
  • keinschaf aus Wladiwostok 2826
    grüezi Wie lasterhaft Mitleid mitunter sein kann, beweisen Sie doch gerade ... Mo, 26.12.16 20:05
  • Kassandra aus Frauenfeld 1781
    Vom Tode träumt ein negrophiles Schäfchen doch ständig. Wenn tausende Frauen in England ... Mi, 28.09.16 11:58
  • HentaiKamen aus Volketswil 1
    Kommt wieder Aber leider eine RIESEN Verlust für Leser wie mich die nicht mit dem ... Sa, 13.08.16 01:13
  • keinschaf aus Wladiwostok 2826
    sogar nach dem Tode hat die Kassandra noch die grösste Schnauze... jaja, diese ... Fr, 12.08.16 16:30
  • Kassandra aus Frauenfeld 1781
    Wow, wie hat sich die gute Kubra gemausert! Ich danke auch Ihnen ganz persönlich für die vielen harten und ... Mi, 20.07.16 20:25
  • Pacino aus Brittnau 731
    Übrigens, wusstet ihr schon . . . . . . dass die Foren von AZ (Wanner), 20min. und Schweizer Fernsehen ... Mi, 29.06.16 15:20
  • PMPMPM aus Wilen SZ 235
    Und jetzt? Ist noch online...? Liebes news-Team, schade ist die Situation so, dass etwas aufhören ... Di, 28.06.16 22:43
  • kubra aus Berlin 3232
    Danke für die gelebte Pressefreiheit. Damit mein ich durchaus auch den ... Di, 28.06.16 16:09
Lyon siegte verdient.
Frauenfussball Wolfsburgs Frauen verpassen den Sieg Die Frauen-Equipe des VfL Wolfsburg mit den drei ...
 
News
     
Fussballschuhe sind Hightech-Produkte
Publinews Gute Fussballschuhe sind ein Must-Have für jeden Fussballer  Die Fussballschuhe sind unerlässlich zum Fussballspielen. Jeder Spieler braucht gute Fussballschuhe, trotzdem ... mehr lesen
Schweizer Flagge, Fussball
Publinews Fussballvereine unter Erfolgsdruck  Fussball ist ein Mannschaftssport mit einer grossen Fangemeinde - das ist allgemein bekannt. Seit nunmehr über 100 Jahren erfreut er sich einer beständigen ... mehr lesen
Grenzenlose Liebe und Treue für nicht irgendeinen Fussballverein, sondern den natürlich besten Klub der Welt.
Publinews Fan-Utensilien  Trikot, Schal und Fahne - Die Zeiten scheinen sich wohl nie zu ändern, in denen nicht das klassische Fanartikel-Trio eine ... mehr lesen
Fussball Videos
FIFA World Football Museum  Das FIFA World Football Museum direkt beim ...  
Neue Zeitrechnung für den Nati-Star  Granit Xhaka (23) wechselt zu Arsenal London in die ...  
Drei Mal in Folge «Europa League»-Sieger  Der FC Sevilla gewinnt zum dritten Mal in Folge ...  
Grosse Ehre für «King Claudio»  Wenig überraschend heisst der Trainer des Jahres ...  
Mehr Fussball Videos
Stellenmarkt.ch
Kreditrechner
Wunschkredit in CHF
wetter.ch
Heute Sa So
Zürich 12°C 25°C sonnigleicht bewölkt, ueberwiegend sonnig recht sonnig vereinzelte Gewitter
Basel 13°C 27°C sonnigleicht bewölkt, ueberwiegend sonnig recht sonnig vereinzelte Gewitter
St. Gallen 13°C 23°C recht sonnigleicht bewölkt, ueberwiegend sonnig recht sonnig vereinzelte Gewitter
Bern 11°C 24°C sonnigleicht bewölkt, ueberwiegend sonnig recht sonnig gewitterhaft
Luzern 11°C 25°C recht sonnigleicht bewölkt, ueberwiegend sonnig recht sonnig gewitterhaft
Genf 14°C 25°C recht sonnigleicht bewölkt, ueberwiegend sonnig recht sonnig vereinzelte Gewitter
Lugano 12°C 26°C recht sonnigleicht bewölkt, ueberwiegend sonnig recht sonnig gewitterhaft
mehr Wetter von über 8 Millionen Orten