Schweizer Träume in der 118. Minute zerstört
Das Schweizer Achtelfinal-Drama in São Paulo
publiziert: Dienstag, 1. Jul 2014 / 21:00 Uhr / aktualisiert: Mittwoch, 2. Jul 2014 / 07:17 Uhr

Die Schweiz ist nach einem veritablen Fussball-Drama in São Paulo im WM-Achtelfinal gegen Argentinien ausgeschieden. In der vorletzten Minute der Verlängerung erzwang Angel Di Maria das 1:0 und löste im beeindruckenden Team von Hitzfeld die totale Konsternation aus.

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Blau und Weiss überall, Zehntausende sangen nur für die «Albiceleste». Sie hatte die hochklassige Begegnung mit der Schweiz um Haaresbreite überstanden. Doch das grenzenlose Mitgefühl gehörte in der Corinthians-Arena den Verlierern. Sie hatten einem der meistgenannten WM-Favoriten alles abverlangt und das Top-Team gar an den Rand einer historischen Schmach gedrängt.

Die Schweizer hatten sich bis zur letzten Sekunde aufgelehnt. Sie liessen sich partout nicht von ihrem Vorhaben abbringen, Geschichte zu schreiben - bis zur 118. Minute der Verlängerung, bis Lionel Messi einen genialen Einfall hatte, bis Angel di Maria das Herz der Fussball-Schweiz durchbohrte. Die Spieler von Hitzfeld mochten das Drama nicht wahrhaben, sie setzten zu einem letzten Gegenzug an - doch das Happy End war nicht zu erzwingen, weil Dzemailis Kopfball vom Pfosten zurückprallte.

Und als Shaqiri mit einem letzten Freistossball an der Mauer der Gauchos scheiterte, sanken die Enttäuschten regungslos nieder, derweil die Südamerikaner wilde Tänze aufführten. Mittendrin stand Ottmar Hitzfeld - mit Tränen in den Augen, übermannt von den Emotionen, geschüttelt vom Schock der unerhört bitteren Niederlage, paralysiert vom Fakt, dass seine grandiose Trainer-Karriere 120 Sekunden vor dem Penaltyschiessen endgültig endete.

Benaglios Paraden

Die ersten Wellen von den Rängen kamen nicht auf dem Rasen an. Die elektrisierende Stimmung übertrug sich nicht sofort auf das Team der Gauchos. Argentinien bemühte sich, phasenweise mit einer 4-2-4-Formation, manchmal mit Messi hinter einer offensiven Dreierreihe, dann und wann auch nach dem Freestyle-Prinzip. Zu Beginn zumindest enttäuschte der zweifache Weltmeister, derweil die Schweizer die Rolle des Spielverderbers nahe der Perfektion interpretierten.

Erst mit erheblicher Verzögerung entwickelte sich die Partie so, wie es aus Schweizer Optik zu befürchten war: Das Team der Weltfussballer und Champions-League-Sieger setzte mit einer imposanten Vehemenz auf Angriff, Hitzfelds Mannschaft hingegen musste den Rückzug antreten. Sie verteidigte mit purer Leidenschaft, selbst ein Verhältnis von 0:7 Cornern nach der Pause überstanden sie, Keeper Benaglio reihte einen «Big Save» an die nächste spektakuläre Flugeinlage.

Und als der Grossteil der 63'255 Zuschauer und wohl auch der Titelanwärter mutmasslich mit einem schleichenden Zerfall der Schweizer rechneten, erhöhte Hitzfelds Equipe die Schubkraft ohne Vorwarnung noch einmal. Der brasilianische Teil des Publikums belohnte jeden Pass und Trick der einem schallenden «Olé» - eine Spur Sarkasmus an die Adresse der Messi-Nation gehörte für die Einheimischen offensichtlich zum Programm.

Die Show von Shaqiri

Das erste Highlight beanspruchte nicht die argentinische Prominenz, sondern die SFV-Auswahl. In der 28. Minute erspielte sich Shaqiri früh einen grossen Moment. Gago trickste er aus, als stünde ihm ein Verteidiger von Honduras gegenüber - ein Dribbling, ein perfekter Rückpass. Sein Pech war, dass Xhaka die Aktion auf weniger hohem Niveau fortsetzte und aus bester Position mit seinem unpräzisen Flachschuss an Romero scheiterte.

Shaqiri demonstrierte nicht nur in jener Szene, weshalb sie ihm selbst im Land des zweifachen Weltmeisters im Vorfeld mit spürbarem Respekt begegnet waren. Der Bayern-Jungstar war kaum vom Ball zu trennen. Nicht Messi, der bis zur persönlichen Schlusspointe äussert diskrete vierfache Weltfussballer, sondern der Spielmacher der Schweiz prägte die erste Hälfte, düpierte die Kontrahenten reihenweise, entzückte mit virtuosen Einlagen.

Die zunächst kaum zu kontrollierende Nummer 23 der Schweiz stand für den couragierten Stil der Schweiz in der Startphase des Duells. Und er stand am Ursprung der besten Szene. Mit einem feinen Pass verschaffte er Josip Drmic unmittelbar vor der Pause die zweite Chance, der SFV-Auswahl einen Vorteil zu schaffen. Doch der künftige Leverkusen-Professional zog solo vor dem argentinischen Keeper den missratenen Heber einem entschlosseneren Abschluss vor.

Dank Showmaster Shaqiri erspielten sich die Schweizer in der ersten Hälfte ein ein Chancenplus und ein Eckballverhältnis von 4:1 - nur das Ergebnis passte nicht zu ihrem beträchtlichen Aufwand. Als Messi und Co. sich vor allem passiv verhielten, verpassten die forschen Herausforderer den Augenblick, den Widersacher tief in der ersten Halbzeit vor ein ernsthaftes Problem zu stellen.

Argentiniens Tempoverschärfung

Der zeitweilige Ratlosigkeit und spielerische Einöde der Gauchos war mindestens so verblüffend wie der erstklassige Start der Schweizer. Dass sich eine in der Offensive derart hoch dotierte Equipe während den ersten 45 Minuten eines Achtelfinals auf südamerikanischem Territorium keine Torchance erspielen würde, damit hatte niemand gerechnet - nur war absehbar, dass das Star-Ensemble irgendwann zu einer markanten Steigerung in der Lage sein würde.

Erst als die Argentinier von ihrem teilweise monotonen Spiel abrückten, das auf einer regelrechten Zweiteilung - die vier «Fantasticos» und der Rest - beruhte, verschärften sich die Probleme der Schweizer spürbar. Die Stilsicherheit ging verloren, das Ballsicherheit der Leader im Mittelfeld ebenso. Xhaka, zu seinem Nachteil früh verwarnt, stiess in der nun aufkommenden Hektik als Erster an die Grenzen - Hitzfeld reagierte mit der Einwechslung von Gelson Fernandes.

Mit seiner Massnahme setzte der Coach ein Signal - angesichts der aufkommenden Gauchos verordnete er der eigenen Mannschaft mit gutem Grund die Strategie «Safety first». Die Intensität der Zweikämpfe nahm von Minute zu Minute zu. Die Südamerikaner stürmten, drängten, setzten nach. Immer wieder stand ihnen nur noch Diego Benaglio gegenüber - und wehrte während der regulären Spielzeit jeden noch so schwierigen Ball ab.

Dem Goalie gelang im 61. und wichtigsten Länderspiel seiner Karriere alles. Bis zur 118. Minute war er nicht zu bezwingen - bis Messi die Mauer der Schweiz ein einziges Mal durchbrach, zur Seite passte, und Di Maria den Ball unhaltbar gegen die Laufrichtung Benaglios über die Linie schob.

Argentinien - Schweiz 1:0 (0:0) n.V.
Arena Corinthians, São Paulo. - 63'255 Zuschauer. - SR Eriksson (Sd). - Tor: 118. Di Maria (Messi) 1:0.

Argentinien: Romero; Zabaleta, Federico Fernandez, Garay, Rojo (105. Basanta); Gago (106. Biglia), Mascherano; Messi; Lavezzi (74. Palacio), Higuain, Di Maria.

Schweiz: Benaglio; Lichtsteiner, Schär, Djourou, Rodriguez; Behrami, Inler; Xhaka (66. Fernandes), Shaqiri, Mehmedi (113. Dzemaili); Drmic (82. Seferovic).

Bemerkungen: Argentinien ohne Aguero (verletzt), Schweiz ohne Gavranovic und von Bergen (beide verletzt/abgereist). Schweizer Ersatzspieler: Sommer, Bürki; Ziegler, Senderos, Lang, Barnetta, Stocker. 121. Kopfball von Dzemaili an den Pfosten. Verwarnungen: 36. Xhaka (Foul). 73. Fernandes (Foul). 90. Rojo (Foul/im Viertelfinal gesperrt). 120. Di Maria (Foul). 125. Garay (Foul).

 

(fest/Si)

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