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Fabio Coltorti - Harmoniebedürftiges Energiebündel

publiziert: Freitag, 10. Dez 2004 / 08:23 Uhr

Der Thuner Torhüter Fabio Coltorti hat erfolgreiche Monate hinter sich. Als er vor 18 Monaten zum FC Thun wechselte, kannten nur Insider den Torhüter.

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Es ist kalt. Die letzten kraftlosen Sonnenstrahlen verschwinden hinter die Oberländer Bergen. Ein kurzer Windstoss macht etlichen farbigen Blättern an den Bäumen im Thuner Lachenstadion den Garaus. Auf dem Rasen absolviert der FC Thun eine Trainingseinheit. Fabio Coltorti lässt den Ball nicht aus den Augen, dirigiert lautstark seine Vorderleute. Mario Raimondi schlägt einen Eckball. Coltorti setzt seine 197 Zentimeter und 98 Kilogramm entschlossen gegen Freund und Feind ein und pflückt den angeschnittenen Ball sicher aus der Luft.

Eine halbe Stunde später betritt Coltorti in Jeans und Rollkragen-Pullover das Café Lachen. Er entschuldigt sich für die Verspätung, bestellt ein Glas Mineral. "Langsam spüre ich die Entbehrungen der letzten Monate. Die wöchentliche Massage ist da eine Wohltat. Ich fühle mich danach gleich wieder um einiges jünger", sagt der bald 24-jährige Krienser. Er lächelt.

Ruhiger und gelassener geworden

Momentan läuft es Coltorti nach Wunsch. Nicht zuletzt dank seinen konstant herausragenden Leistungen, die ihm ein Aufgebot für die Nationalmannschaft eingetragen haben, reitet der FC Thun seit Wochen auf einer Erfolgswelle. Die Berner Oberländer befinden sich auf dem dritten Tabellenplatz und haben sich vor kurzem gegen den Klassenprimus Basel für die Cup-Viertelfinals qualifiziert. Coltorti avancierte dabei mit zwei abgewehrten Penalties zum Cuphelden. "Top oder flop liegen bei einem Torhüter oft nahe beieinander. In der 90. Minute unterlief ich einen Flankenball. Zum Glück ohne Folgen. Eine knappe Stunde später war ich der gefeierte Held. So ist Fussball."

Derart gelassen hat Coltorti die Gesetze der Branche aber nicht immer analysiert. "Ich war früher oft ungeduldig und habe mich zu stark unter Druck gesetzt. Wenn ich für einmal danebengriff, habe ich mich oft selber zerfleischt." Den Reifungsprozess hat Coltorti, der sein Schicksal am liebsten selber in die Hand nimmt, alleine in Gang gesetzt. Als er 2001 von seinem Stammverein SC Kriens in die 1. Liga zum FC Schaffhausen wechselte, schaute er sich nach einem Sportpsychologen um. In St. Gallen wurde er nach langer Suche schliesslich fündig. "Ich habe die ideale Person für meine Betreuung gefunden. Ich habe bei ihr das Vertrauen und kann über alle Probleme offen reden", sagt Coltorti. Dafür nimmt er die 250 Kilometer einmal pro Woche gerne unter die Räder.

"Ich habe keinen Dachschaden!"

Dass er einen "Dachschaden" hat, wie dies landläufig den Torhütern nachgesagt wird, davon will er nichts wissen. "Ich versuche immer ehrlich und echt zu sein. Das ist mir wichtig." Es komme gelegentlich vor, dass in der Kabine das Kind im Manne in ihm erwache, muss Coltorti dennoch schmunzelnd zugeben. Er betrachte dies als eine Art Ventil. "Aber sonst bin ich ganz normal und gesellschaftstauglich."

Es geht gegen Feierabend zu. Immer mehr Leute kommen ins Café, um sich bei einer Tasse Tee aufzuwärmen. Verstohlen blicken einige an unseren Tisch, nicken Coltorti anerkennend zu. "Ich geniesse den aktuellen Zuspruch", sagt Coltorti, ohne auf eine bestimmte Frage zu antworten. "Ich bin mir jedoch bewusst, wie schnell sich alles wieder ändern kann. Ich weiss, wie ich mit Lob und Kritik umgehen muss." Und sonst würden sein um zwei Jahre älterer Bruder, der ihn mit fünf Jahren zum Fussball gebracht hat, sowie seine Sportpsychologin schon dafür sorgen, dass er den Boden unter den Füssen nicht verliere.

Coltorti setzt sich intensiv mit sich und dem Fussball auseinander. Dabei betrachtet er seine Person besonders kritisch. Als er sich zum ersten Mal auf Video sah, hat er sich fast nicht wiedererkannt. "Mein aggressives Verhalten hat mich überrascht. Ich schätze mich abseits des Fussballplatzes als ruhigen und harmoniebedürftigen Menschen ein", sagt Klavierspieler Coltorti. Er ortet genau in diesem Widerspruch sein Erfolgsgeheimnis. "Ich denke, meine Aggressivität gepaart mit einer Portion Lockerheit, Ruhe und Selbstvertrauen helfen mir, Topleistungen zu erbringen." Übrigens, seine kräftigen Hände sind eher diejenigen eines Torhüters als diejenigen eines Klavierspielers.

Eine grosse Zukunft lockt

Auf seinen Lorbeeren ausruhen mag sich der ehrgeizige Torhüter nicht. Er möchte seine sportlichen Grenzen ausloten. Zufrieden mit sich selber ist er nur selten. Coltorti macht keinen Hehl daraus, dass er gerne dereinst das Tor der Nationalmannschaft hüten möchte. Auch von einem Engagement in der Bundesliga träumt er. Diesen Zielen ordnet er alles unter, lebt täglich 24 Stunden für den Fussball. Oder fast. Zwischendurch gönnt er sich schon mal ein "Schoggi-Gipfeli".

Sein Trainer Hanspeter Latour, der ihn nach Thun geholt hat, ist von einer grossen Karriere seines Schützlings überzeugt. "Fabio Coltorti hat alle Voraussetzungen, die ein guter Torhüter braucht. Ich traue ihm durchaus einen Sprung ins Ausland zu." Er habe aber noch einiges an Entwicklungspotenzial, das brach liege. Daran sei zu arbeiten. So müsse er noch lauter und bestimmter beim Dirigieren werden, sagt Latour.

Latour hat in den letzten Monaten nicht nur eine sportliche, sondern auch eine menschliche Entwicklung bei Coltorti beobachtet. "Er ist ruhiger und gelassener geworden." Zudem entwickle er sich immer mehr zu einer Führungspersönlichkeit auf und neben dem Platz.

Die Worte seines aktuellen Fussballlehrers freuen Coltorti. Er bleibt aber trotzdem bescheiden. Erreicht hat er noch nicht viel. Langfristige Ziele sind in dem kurzlebigen Geschäft fehl am Platz. Deshalb richtet sich sein Augenmerk auf das nächste halbe Jahr. Nicht weiter.

"Angst vor einem Absturz" sagt Coltorti, "habe ich nicht." Trotzdem hat er alle möglichen Vorsichtsmassnahmen getroffen, um einen solchen zu verhindern. Die Sitzungen bei seiner Sportpsychologin sollen seine mentale Stärke verbessern. Ausserdem schloss er – bevor er ganz auf die Karte Fussball gesetzt hat – das Lehrerseminar in Luzern ab. "Mein Leben würde auch ohne Fussball weitergehen", sagt Coltorti. Daran mag er aber nicht denken. Zu viele schöne Momente im Fussball will er noch erleben.

"Freunde kommen und gehen, die Familie bleibt"

Ein Leben als Fussballprofi hat auch seine Schattenseiten. Ein Klubwechsel kann einen ganzen Freundeskreis sprengen. "Freunde kommen und gehen, die Familie bleibt", bringt es Coltorti auf den Punkt. "Sie ist neben ein paar wenigen guten Kollegen das einzig Beständige in meinem Leben. Ich bin froh, dass ich sie habe." Die oft harte und oberflächliche Branche hat Coltorti vorsichtig, nicht aber verschlossen gemacht. "Ich tausche mich gerne mit anderen Menschen aus, an mich heran lasse ich hingegen nur ganz wenige."

Coltorti könnte sich gut vorstellen, dereinst eine Famile zu gründen. "Ich sehe mich schon als Familienmenschen. Die Liebe kann man aber nicht erzwingen, sie geschieht einfach." Derzeit geschieht sie bei Coltorti wieder. Er ist glücklich verliebt und geniesst die traute Zweisamkeit abseits des Fussballfeldes. Angesprochen auf die Frage, ob er die Liebe zu Gunsten des Fussballs opfern würde, verneint er vehement. "Fussball und Liebe sind nicht vergleichbar. Ich könnte sie nie gegeneinander abwägen. Ich bin davon überzeugt, dass alle Situationen gemeistert werden können, sofern die Gefühle stimmen."

Draussen ist es längst dunkel geworden. Coltorti verabschiedet sich und verschwindet in die Thuner Nacht. Etliche Café-Besucher blicken ihm nach. Es hat sich einiges geändert. Fabio Coltorti kennt man jetzt.

(von Roger Probst/fussball.ch)

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